Das haben wir immer so gemacht! Wo kämen wir denn hin?

Artikelbild Das haben wir immer so gemacht

Veränderungen? Also ehrlich, wer macht denn so einen Vorschlag? Wo kämen wir denn hin?
Genau. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder sagen würde: Wo kämen wir denn da hin?“

Ich erzähle im Chor oft von meinen drei Lieblingsfeinden:

  1. Das haben wir schon immer so gemacht!
  2. Das haben wir noch nie anders gemacht!
  3. Wo kämen wir hin, wenn wir das plötzlich anders machen sollten?

Ich las vor kurzem einen Satz, den ich auch erst ein zweites Mal lesen musste, um ihn zu verstehen:

Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, „wo kämen wir hin“, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen?

Dieser Artikel soll Ihnen Mut machen. Mut zur Veränderung.

Natürlich sollen Sie weder alles umkrempeln, noch von heute auf morgen mit der Brechstange Veränderungen durchboxen. Aber es gibt Dinge, die man durchaus mal hinterfragen könnte.
Ein Beispiel:

Wenn ich gefragt werde, ob ich einen Chor übernehmen kann, höre ich oft mit einer gewissen Selbstverständlichkeit:

„Wir üben immer donnerstags!“

So weit so gut.

„Aber donnerstags habe ich seit mehreren Jahren einen Chor.“

Auch dieser probt seit Jahrzehnten an diesem Tag und hat bei mir einfach die älteren Rechte.

„Könntet ihr euch nicht vorstellen auf einen Mittwoch zu wechseln?“

Plötzlich merke ich, dass über einen anderen Probentag scheinbar noch nie jemand nachgedacht hat.
Als Argumente kommen dann immer schnell Einzelfälle:

„Der Günter und seine Frau gehen am Mittwoch immer kegeln mit drei anderen Paaren.“

Aber statt den Günter mal zu bitten, in seiner Kegelgruppe zu fragen, ob man sich nicht auch den dann frei werdenden Donnerstag zum Kegeln vorstellen könnte, wird schnell auf den „Geht-nicht-Knopf“ gedrückt.

Alle sagten das geht nicht. Dann kam einer, der nicht wusste, dass das nicht geht und hat es einfach gemacht.

Neue Farben im Chor
Das geht ja doch! Mut zur Veränderung!

Chorleiter sind Mangelware! Geht’s noch?

„Vielleicht gibt es ja auch potenzielle Sänger, die bislang nie zum Chor kamen, weil sie donnerstags was anderes haben?“ – Aber meistens ist die Entscheidung dann schon gefallen. Ein „geht nicht“ zu revidieren, scheint auch was mit Schwäche eingestehen gemeinsam zu haben.
Da ich aber nicht in der Lage bin, an zwei Orten gleichzeitig zu sein (ich versuche es immer wieder, aber die Sache mit der Bilokalität will einfach nicht klappen …) kann ich euch leider auch nicht weiterhelfen. Schade.
Nun ist es in meiner Region wie so oft auf dem Land: Chorleiter sind Mangelware. Und mir stellt sich dann schon immer die Frage „Wer will hier was von wem?“

Als Antwort auf „Das haben wir schon immer so gemacht“ solltest du aufstehen und mit einem Stein Höhlenzeichnungen in die Wand kratzen.

Es geht ja auch anders: Momentan begleite ich einen Chor bei der Suche nach einem neuen Chorleiter. Der Vorstand gestand schon im ersten Gespräch:
„So günstig wie bisher wird’s vermutlich nicht werden. Wir haben die Beiträge deshalb schon mal etwas angehoben. Und wir haben eine Tabelle gemacht, in die jeder eintragen konnte, an welchen Tagen er proben kann und an welchen nicht“.
Das nenne ich gute Vorbereitung!

Nun ist ein neuer Chorleiter und die Änderung des Probentages natürlich ein Extrembeispiel. Aber es gibt so viele Kleinigkeiten.

Gitarre spielen Bär
Bären die Gitarre spielen? Geht nicht, das wusste aber der Bär nicht.

Wenn Traditionen entstehen …

Irgendwann standen sie vor einem Problem. Einer hatte einen Vorschlag. Es war nicht der beste, aber er löste das Problem für den Moment. Im nächsten Jahr standen sie vor demselben Problem. Jemand sagte: „Das haben wir letztes Jahr so und so gelöst. War nicht optimal, aber lass uns das mal wieder so machen.“ Im dritten Jahr stehen sie wieder da. Jemand sagt: „Das haben wir doch sonst immer so und so gemacht“ – Über die Jahre ist eine Tradition entstanden und niemand hat jemals hinterfragt, ob es nicht auch besser geht.

Natürlich bin auch ich der Meinung: „Never stop a running system“. Aber haben wir denn wirklich ein „laufendes System“? Oder knirscht es hier und dort?
Warum kommen denn keine neuen Sänger? Es sind doch nicht immer diejenigen schuld, die nicht zu uns kommen. Lasst uns doch mal bei uns selbst anfangen. Wir könnten uns ja mal fragen, ob wir mit einer oder mehreren Veränderungen attraktiver für Nachwuchs werden können.
Mal einige Leute fragen, was sie davon abhält, zu uns zu kommen. Vielleicht liegt es ja sogar am Probentag? Ist 18:30 Uhr die richtige Zeit, um mit der Probe anzufangen?

Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.
Georg Christoph Lichtenberg

Reden wir doch mal über die Liedauswahl. Ist das, was wir singen wirklich attraktiv? Und fragen Sie hier nicht Ihre Chorsänger und Familienmitglieder. Fragen Sie erst recht nicht die Leute, die Ihrem Chor nahestehen und nach Ihren Konzerten kommen und prahlen. Denen hat es ja offensichtlich gefallen.
Aber was ist mit Ihrer Zielgruppe? – Die war gar nicht beim Konzert? Ach so.

Nicht labern, machen!

Machen. Nicht Grübeln, nicht faseln, einfach machen. Im schlimmsten Fall wird’s eine Erfahrung.

Wie gesagt. Sie sollen nicht ab morgen ausschließlich modernes Zeug singen. Da fehlt dann auch schnell die Authentizität.
Aber MAL! EIN! englisches Lied … Englisch? Geht nicht!

Liebe Leute: Ich habe mit Chören Latein, Italienisch, Niederländisch, Französisch und sogar Ungarisch gesungen (und das ist die schlimmste Sprache, die ich kenne). Das geht. Und das, obwohl niemand im Chor diese Sprachen jemals gelernt hat. Aber Englisch??? Natürlich dauert das lange und man muss plötzlich viel mehr am Text arbeiten. Aber „geht nicht“ lasse ich hier einfach nicht gelten.
Ich habe genügend Gegenbeispiele. Zumal die Generation der Babyboomer, die jetzt einen Großteil der Chorsänger ausmacht, die Beatles doch schon altbacken fand, aber trotzdem fleißig mitgesungen hat (auch ohne etwas zu verstehen).

Für mehr „Scheiß drauf, wir probieren’s mal“ und weniger „Das wird doch sowieso nicht funktionieren“.

Betreten Sie Neuland!

„Eine Facebookseite haben wir doch in den letzten 100 Jahren auch nicht gebraucht.“Heute brauchen Sie eine!

„Unsere Uniform ist doch noch gut“Ja, aber Ihre Kinder belächeln Sie deswegen!

„Wir haben so viele alte Noten, die wir schon lange nicht gesungen haben.“Und – es gibt noch mehr neue Noten, die Sie noch nie gesungen haben!

Wer aufhört, besser werden zu wollen, hat aufgehört, gut zu sein!
Philip Rosenthal

Christoph Tiemann
Christoph Tiemann

Seit frühester Kindheit singt Christoph Tiemann (30) im Chor. Seit seinem 16. Lebensjahr ist er selbst Leiter diverser Chöre „auf dem Land“ in seiner Heimatregion – Kinder-, Jugend-, Gospel-, Kirchen-, Männer-, Frauen- und gemischte Chöre hat er geleitet bzw. tut es heute noch. Er ist Organist und begleitet Chöre auf dem Klavier. Außerdem bietet er Chor-Workshops im Bereich Popularmusik, Technikkurse für Chöre und deren Leiter sowie Fortbildungen zu Themen aus dem Chor-Management an. „Musik ist Passion. Nur wenn ich selbst von etwas überzeugt bin, kann ich es auch verkörpern“ – so seine Devise.

1 Kommentar zu Das haben wir immer so gemacht! Wo kämen wir denn hin?

  1. …irgendwoher kommen einem diese Strategien bekannt vor, denkt man sich, nachdem man als Chorleiter gestern in der Chorprobe gleich drei neue Gesichter in den Reihen eines in die Jahre gekommenen Männerchores erblickt hat. Nicht gänzlich unerwartet, nachdem der Verein bereits in den Vormonaten einige Neuaufnahmen verzeichnen konnte. Andere Vereine hingegen haben schon vor dem Jahre 2000 nur noch Mitglieder verloren und schreiben unentwegt in jede Pressemitteilung den Satz „Neue Sänger sind willkommen“, obwohl längst jeder weiß, dass diese passive Strategie nicht funktioniert.

    Am sinnvollsten ist immer die aktive persönliche Ansprache potenzieller Interessenten durch Mitglieder, die selbst von ihrem Hobby und ihrem Verein begeistert sind und diese Begeisterung auf andere übertragen. Tun dies Sängerinnen und Sänger, die wochenlang einfach nur wegbleiben? Die lieber zu Hause vor dem Fernseher sitzen bleiben? Die private Feiern grundsätzlich auf Proben- und Auftrittstermine des eigenen Vereins legen, um sich keine Ausrede ausdenken zu müssen?

    Neue Ansätze sind natürlich die unbequemere Lösung als die halbherzige Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, weil „unsere Alten das ja so wollen“. Als Chorleiter hat man eher das Problem, viele gute Ideen nicht realisieren zu können, weil die Sänger nicht mitziehen wollen. Daher empfiehlt sich die Betrachtung der Mitgliederstruktur des jeweiligen Vereines: Wie hoch ist der Anteil jüngerer oder zumindest junggebliebener Mitglieder mit dem Mut zur Veränderung, die gerne noch einige Jahre weiterdenken wollen? Oder sind alle Mitglieder im Seniorenalter angekommen und könnten sich einen offensiven Ansatz vorstellen, einen echten Seniorenchor mit geeigneter Literatur zu schaffen, der von vornherein diese Altersgruppe gezielt anspricht? Oder handelt es sich schlicht um einen uralt gewordenen Traditionsverein, der sich eigentlich längst aufgegeben hat und dessen Mitglieder die Chorstunden nur noch als Beschäftigungsmöglichkeit ansehen? Dann wird man sich leider in der Kunst des Loslassen Könnens üben müssen, weil man irgendwann nicht einmal mehr die verlangten Stimmgruppen besetzen kann. Meist ist die gar nicht für greise Stimmen gedachte klassische Chorliteratur für den anwesenden Personenkreis längst nicht mehr geeignet.

    Die Chöre, die die in dem Artikel beschriebenen Veränderungen praktizieren, tun dies in der Regel bereits, ohne entsprechende Texte gelesen zu haben. Insofern ist die Frage nach der Zukunftsfähigkeit von Chören in jedem Falle individuell zu beantworten. Denn in allen Chorgattungen existiert die beschriebene Problematik, das Ensemble gegenwarts- und zukunftsorientiert aufstellen zu müssen, nicht nur bei Männerchören, die es in der Vergangenheit überdurchschnittlich häufig in der Chorlandschaft gab und die zwangsläufig öfter von Abwärtstrends betroffen sind.

    Mit herzlichem Sangesgruß
    Frank Scholzen

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