Früher war alles besser, aber irgendwann ist immer Heute

Chor früher war alles besser

Gerne wird ein Blick in die Vergangenheit geworfen. Autos waren irgendwie kultiger, Twix hieß noch Raider und vieles mehr. Aber ist das wirklich so? Oder ist einfach nur der Blick verklärt und die unbequemen Dinge sind verdrängt?

Vor einiger Zeit besuchte ich einen Vortrag zum Thema „Kommunikation in der Landwirtschaft“. Es ging im Wesentlichen darum, dass sich die Landwirtschaft in den letzten Jahren stark verändert hat, neue Technologien eingeführt wurden, Produktivität verbessert wurde – beim Verbraucher davon aber nichts angekommen ist.
Der sieht nur die schöne Weide-Idylle, mit Kühen und grünem Gras. „Kommunizieren Sie Veränderung“, war eine der zentralen Forderungen des Redners. „Das Brot bei Oma war immer lecker, allerdings auch nur, wenn es frisch aus dem Ofen kam. Wenig später musste es in Milch eingelegt werden … Manchmal verklärt Erinnerung auch. Heute ist es technischer Standard, dass unser Brot lange frisch bleibt und das wollen wir auch so. Nur muss der Kunde auch realisieren, dass und wie es dann industriell gefertigt wird.“

Warum erzähle ich Ihnen das? Nun, die Welt verändert sich ständig. In vielen Bereichen. Auch im Chorwesen. Ich bin noch ziemlich jung, habe viele Erinnerungen meiner Chorsänger nicht selbst erlebt. Aber auch ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als wir den Kopierschutz von Musikkassetten mit einem Streifen Tesafilm „geknackt“ haben und dem Bandsalat mit einem Bleistift wieder Herr werden konnten. Eine Zeit mit drei Fernsehprogrammen. Eine Zeit vor dem Internet.

Anekdoten aus den Glanzzeiten der Chöre

„Früher waren wir 90 Sänger und weit über die Dorfgrenzen hinaus bekannt.“„Früher saßen wir nach der Probe gemeinsam zusammen und haben gesungen, was das Zeug hielt.“„Früher dauerten die Chorfeste bis zum nächsten Morgen.“ – So oder so ähnlich klingt es, wenn ältere Sänger aus den Glanzzeiten ihrer Chöre berichten.
Und das glaube ich ihnen. Ohne jeglichen Zweifel. Es gibt nur ein Problem: Diese Zeiten sind vorbei. Es schwingt bei solchen Aussagen immer auch ein bisschen Wehmut mit und mir stellt sich die Frage, warum das heute nicht mehr so ist. Dafür muss es doch auch Gründe geben.

Erinnerungen an den Chor

Leute kennen, die man nie gesehen hat

In einem meiner Chöre kenne ich Sänger, die ich nie persönlich kennen lernen konnte, weil sie schon lange nicht mehr unter uns sind. „Der Erich, das war ein Bass, wenn der gesungen hat, haben alle ihre Gespräche eingestellt und waren mucksmäuschenstill.“ So reden einige Sänger nach der Probe. Nun sehe ich so etwas mit sehr gemischten Gefühlen.
Zum einen dürfen wir die Toten nicht vergessen und ich finde es eine große Ehre für Erich und all die anderen, dass diese posthum immer noch so verehrt werden. Zum anderen dürfen wir aber auch nicht darüber hinweg sehen, dass vieles im Hier und Heute anders ist.

Wir sind in diesem Chor noch knapp 30 Sänger, die meisten auch nicht mehr ganz jung. Die Stimmen sind zusammen mit den Sängern gealtert und auch das Lernen von Texten und Tönen fällt spürbar schwerer. Von den körperlichen Gebrechen mal ganz abgesehen.

Unter diesen Voraussetzungen ist es nicht verwunderlich, dass viele der Lieder, die meine Sänger gerne singen wollen, ziemlich – sagen wir mal – dünn klingen. Die Erinnerung täuscht. Vor zwanzig Jahren war das ein tolles Stück, da kam richtig was, wenn das aufgelegt wurde. Vor zwanzig Jahren wart ihr aber auch alle zwanzig Jahre jünger und nebenbei auch dreimal so viele. Abgesehen davon ist es auch nicht so, dass ein Stück, das wir „mal gesungen“ haben, innerhalb von zwei Chorproben wieder in Perfektion erstrahlt, auch wenn manche das immer wieder glauben. „Lass uns das mal wieder singen, das können wir doch noch“ …

Ist die gute alte Zeit noch was für junge Leute?

Wir müssen lernen, mit dem umzugehen, was wir haben. Und das ist oft ein ganz anderer Chor als Jahre zuvor. Oder aber neue Sänger dazugewinnen. Dabei dürfen wir nur auch nicht außer Acht lassen, dass die Jungen heute anders ticken als früher. Darüber gibt es seitenlange Studien, die diese Veränderungen bis ins letzte Detail beobachten und beschreiben.

Die Freizeit junger Menschen ist heute stark eingeschränkt. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass diese sich sehr genau überlegen, was ihnen gefällt und wo es sich lohnt, Zeit zu investieren. Wenn sie sich dann doch mal in unseren Chor „verirren“, dürfen wir es ihnen auch nicht verübeln, wenn sie keinen Spaß am Singen an der Theke haben oder einfach am nächsten Morgen wieder früh zur Arbeit müssen. Kein Arbeitsplatz ist sicher. „Der ganze Friedhof liegt voll mit unersetzbaren Menschen“, hat meine Oma gesagt.

Friedhof Chor
Der ganze Friedhof liegt voll mit unsersetzbaren Menschen

„Ausgebildet bei Siemens und bis zur Rente dort geblieben“ ist inzwischen doch auch eher die Ausnahme. Außerdem wird das Thema „Alkohol im Straßenverkehr“ heute sicherlich anders gesehen als noch vor Jahren.
Und wenn neue Sänger mit Erich und seinen Geschichten nicht sonderlich viel anfangen können, dann hat das nichts damit zu tun, dass sie keinen Respekt hätten. Sie singen nur heute in einem Chor, in dem Erich nicht mehr da ist. Lassen wir sie doch ihre eigenen Erfahrungen machen.

Alles in Allem ist die Erinnerung an die Vergangenheit eine gute Sache. Nur ist diese Zeit auch vergangen. Das müssen wir realisieren.
Das „Heute“ ist schneller, bunter, kurzlebiger, digitaler. Das kann man gut finden oder auch nicht. Es nützt nur nichts. Ich bin fest davon überzeugt, dass „dieses Internet“ nicht mehr weggeht. Das bleibt und wird noch vieles mehr in unserem Leben verändern – sicherlich auch in unseren Chören. Und damit werden wir uns genauso abfinden müssen, wie mit der Tatsache, dass die inzwischen verstaubten Pokale in unseren Vitrinen kaum noch jemanden interessieren.

So wie es früher war, so wird’s nie wieder – und das werden wir auch nicht ändern können. Schauen wir also lieber nach dem Morgen, auf das wir noch Einfluss nehmen können!

Seit frühester Kindheit singt Christoph Tiemann (30) im Chor. Seit seinem 16. Lebensjahr ist er selbst Leiter diverser Chöre „auf dem Land“ in seiner Heimatregion – Kinder-, Jugend-, Gospel-, Kirchen-, Männer-, Frauen- und gemischte Chöre hat er geleitet bzw. tut es heute noch. Er ist Organist und begleitet Chöre auf dem Klavier. Außerdem bietet er Chor-Workshops im Bereich Popularmusik, Technikkurse für Chöre und deren Leiter sowie Fortbildungen zu Themen aus dem Chor-Management an. „Musik ist Passion. Nur wenn ich selbst von etwas überzeugt bin, kann ich es auch verkörpern“ – so seine Devise.

Chornoten Arrangement-Verlag

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