Was kostet ein Chorleiter? – Teil 1

Was kostet ein Chorleiter

Wie hoch sind die Kosten, die einem Chor für den Chorleiter entstehen? Und welche Leistungen erbringt der Chorleiter eigentlich für den Chor? Gibt es da etwa Arbeiten im Hintergrund, die nicht offensichtlich, aber trotzdem da sind?

Sollte die Überschrift Sie neugierig gemacht haben, habe ich mein Ziel erreicht. Sollten Sie in diesem Artikel konkrete Zahlen erwarten, muss ich Sie leider enttäuschen. Sie würden zu nichts führen, denn nach meinen Recherchen ist das regional doch SEHR unterschiedlich und zweitens zahlen ja schon meine eigenen Chöre unterschiedliche Honorare. Und darüber darf ich nicht sprechen. Sagt der jeweilige Chorleitervertrag. Trotzdem sollten wir mal ganz allgemein einen Blick auf das Thema werfen.

Eine aussterbende Spezies: der ehrenamtliche Chorleiter

Die Zeiten, in denen der Dorfschulmeister den einen Chor im Ort geleitet und dafür zu Weihnachten ein kleines „Dankeschön“ erhalten hat, sind wohl fast überall Geschichte.
Und auch Menschen, die aus Überzeugung mehr oder weniger ehrenamtlich arbeiten, sind selten und sollen hier außen vor gelassen werden.
Obwohl ich eine solche Einstellung durchaus löblich finde.

Fangen wir doch mal mit der Frage an, was der Chor überhaupt für sein Geld bekommt. Da kommt schon einiges zusammen:

Leistungen eines Chorleiters

Durchführung der Chorprobe

Das ist mehr oder weniger der einzige Bereich, den der Chor sieht. Und ich glaube, genau deshalb ist die Diskussion um dieses Thema so schwierig. Was der Chorleiter in der Probe leistet, kann jedes Chormitglied sehen. Wenn das alles ist, sind die meisten tatsächlich überbezahlt.

Vorbereitung der Chorprobe

Jede Chorprobe muss vorbereitet werden. Mal reicht es, wenn ich mir auf der Fahrt zur Probe überlege, was ich zum Einsingen mache und in welcher Reihenfolge ich die Stücke heute probe. Das ist meist kurz vorm jeweiligen Auftritt, wenn genau feststeht, was wir singen und der größte Teil der Proben schon gelaufen ist. Oft ist es aber auch wesentlich mehr Vorbereitung. Vorher steht nämlich die

Vorbereitung der einzelnen zu singenden Stücke

Ich habe an mich selbst den Anspruch, jede Stimme des zu probenden Stückes vorsingen zu können. Wenn ich auch vieles vom Blatt singen kann, muss ich mir jede Stimme vorher ansehen. Wenn ich an einer Stelle beim Prima-Vista-Singen rausfliege, kann ich mir sicher sein, dass der Chor auch Schwierigkeiten haben wird. Also überlege ich mir eine entsprechende Strategie. Ebenso möchte ich eine gute Klavierbegleitung spielen, die die Stimmen beim Üben unterstützt. Also muss ich mir auch das im Vorfeld ansehen. Von dieser Vorbereitung merkt der Chor im Idealfall nichts, denn in der Probe sieht dann alles ganz „spontan und easy“ aus. – So soll es aber auch sein. Wenn ich sage, das Stück sei „ziemlich schwer“ und mich dann auch noch ständig am Klavier verhake, wird ein Chor größere Schwierigkeiten haben, als wenn ich es mit Leichtigkeit präsentiere, richtig vormache und der Chor kann „nachsingen“.

Stückauswahl

Bevor ich irgendetwas vorbereiten kann, muss ich es aussuchen. Das ist für mich eindeutig Aufgabe des Chorleiters. Zum einen besitze ich eine gute Fülle an Noten, aus denen ich etwas Passendes finden kann. Zusätzlich schaue ich natürlich sofort danach, was der Chor überhaupt leisten kann, wie viel Zeit zur Verfügung steht, wie das inhaltlich aussieht (gerade in der Liturgie kann man sich ja schon ziemlich in die Nesseln setzen) und nicht zuletzt, ob das Lied sowohl zum Anlass, aber auch zum Chor überhaupt passt. Da bin ich mit „Liedervätern und -müttern“, Ausschüssen, die Sachen aussuchen und Vorständen, die Stücke aus dem Internet suchen, bislang nicht glücklich geworden. Ich nehme gerne Vorschläge entgegen („Dieses könnten wir mal wieder singen“), in solchen Vorschlägen waren schon viele gute Schätze dabei, aber meistens kümmere ich mich selbst um das Liedgut. Übrigens: Auch mein Notenarchiv ist selbst finanziert, dann sind das „meine Noten“ und ich muss da im Falle einer Trennung nicht diskutieren, wer was behalten darf oder zurückgeben muss. Zumal ich viele Dinge ja auch für mehrere Chöre nutze. Wenn ich davon dann was machen will, wird das für den jeweiligen Chor bestellt.

Chorleiter mit Chor
© www.viewingmalta.com

Konzertprogramme erstellen

Alles oben Genannte verschärft sich für ein Konzert. Ich muss mehr Stücke aussuchen und vorbereiten. Diese müssen für mich auch einen „roten Faden“ haben. Das ist natürlich wesentlich mehr Aufwand als drei Stücke für den nächsten Gottesdienst auszusuchen. Und vor jedem Konzert kommen ja weitere Aufgaben: Ich kümmere mich um Technik, musikalische Begleitung, Termine, es gibt natürlich diverse Sitzungen mit dem Vorstand, um sich abzustimmen und Ideen zu tauschen. Apropos:

Sitzungen

Nicht an allen, aber an vielen Vorstandssitzungen nehme ich (gerne) teil. Einerseits kann ich den Vorständen in vielen Fragen gleich zur Seite stehen, wenn diese auftauchen. Andererseits bin ich so auch gleich über die Planungen informiert. Hier muss man dann nur aufpassen, dass die Effizienz solcher Treffen gegeben bleibt und ich nicht als Chorleiter an einer Sitzung teilnehme, bei der eine halbe Stunde über die Farbe der Servietten beim gemeinsamen Choressen philosophiert wird. Auch Telefonate mit Vorständen und Sängern zählen in diese Kategorie. Terminabsprachen, kurzfristige Änderungen, „heute fehlen X Sänger, wollen wir trotzdem proben?“, „Wir können heute nicht in unseren Probenraum“ – all das sind Themen, die telefonisch besprochen werden und Zeit kosten. Kleinvieh macht – ach, Sie wissen schon.

Noten setzen

Zu vielen – gerade neueren – Stücken gibt es keine adäquaten Chorsätze. Wenn das aber schön in unser Konzert passt oder irgendjemand sich gewünscht hat oder ich selbst das Stück gerne machen möchte, setze ich mich selbst hin und schreibe einen Satz. Und das ist wie so oft: Eigentlich kein Problem, aber wenn man dabei ist, überkommt einen auch schnell der eigene Perfektionismus und dann artet sowas auch schon mal aus …

Notensatz
Notensatz am Computer

Fortbildung

Ich nehme an recht vielen Fortbildungen für Chorleiter teil. Man kann aus jeder Fortbildung Aspekte mitnehmen, die für die eigene Arbeit, bzw. einzelne Chöre sehr hilfreich sind. Dazu kommt das „Networking“ und der Austausch mit anderen Chorleitern. Oft lerne ich dabei z.B. gute Solisten und Musiker kennen, die mich und meinen Chor beim nächsten Konzert unterstützen könnten. Davon kann man nie genug haben 😉 Auch kann man bei Fortbildungen oft

Neue Noten finden

Ob sie im Rahmen der Fortbildung in einem Workshop oder einer Reading Session vorgestellt werden oder es parallel eine Ausstellung gibt. Regelmäßig mache ich mich auf die Suche nach neuen, guten Noten, damit ich einen Überblick habe, was „der Markt so hergibt“. Ich lebe da ganz klassisch „offline“, blättere und stöbere also gerne, statt im Internet nach etwas Bestimmtem zu suchen.

Sonstige Gemeinkosten

Dann gibt es da noch weitere Kosten, die sich gar nicht direkt einem Chor zurechnen lassen. Ich bin sehr Technikaffin, besitze also mehrere Beschallungsanlagen, Mikrofone, E-Pianos, andere Instrumente, etc., von denen meine Chöre oft profitieren. Das bezahlt sich nur alles leider nicht von selbst. Musik ist ein teures Hobby.
Auch Kosten für Drucker und Kopierer, Porto, Computer, Telefon etc. sind nicht zu unterschätzen! Außerdem steigt mein Kaffeekonsum, wenn ich Musik mache, aber jetzt wird’s kleinlich 😉

Keine einfache Aufgabe: den Preis festlegen

(Nicht) zuletzt muss ich dann und wann auch einfach mal üben. An meiner Gesangstechnik feilen, auf dem Klavier gibt es noch diverse Dinge, die ich gerne könnte und so weiter. Das alles bekommt ein Chor von mir geliefert, wenn er „ein Stück Chorprobe“ bestellt.
Wie ich aus all diesen Leistungen nun einen Preis bestimme, können Sie dann im zweiten Teil dieser Artikelreihe lesen. In Kürze in diesem Theater!

Seit frühester Kindheit singt Christoph Tiemann (30) im Chor. Seit seinem 16. Lebensjahr ist er selbst Leiter diverser Chöre „auf dem Land“ in seiner Heimatregion – Kinder-, Jugend-, Gospel-, Kirchen-, Männer-, Frauen- und gemischte Chöre hat er geleitet bzw. tut es heute noch. Er ist Organist und begleitet Chöre auf dem Klavier. Außerdem bietet er Chor-Workshops im Bereich Popularmusik, Technikkurse für Chöre und deren Leiter sowie Fortbildungen zu Themen aus dem Chor-Management an. „Musik ist Passion. Nur wenn ich selbst von etwas überzeugt bin, kann ich es auch verkörpern“ – so seine Devise.

Chornoten Arrangement-Verlag

13 Kommentare zu Was kostet ein Chorleiter? – Teil 1

  1. Da kann ich auch nur zustimmen.
    Viele Chöre sehen oder wollen es gar nicht wissen, was da so alles für Aufgaben beim Chorleiter anfallen. Mitlerweile scheint alles selbstverständlich zu sein.

  2. Etablierte Chöre haben i.d.Regel eine längere Tradition und die Finanzierung des Chorleiters ist seit Jahren gut geregelt. Gründet man jedoch einen neuen Chor oder ein Ensemble, dann wird die Frage der Finanzierung zur Achillesferse. Geldgeber und großzügige Spender sind rar und so bleiben die Ausgaben an den Mitgliedern. Auf passive Mitglieder wird man heutzutage kaum bauen können. Eine kleine Beispielrechnung: Ein Ensemble mit 30 Mitgliedern hat einen monatlichen Finanzierungsbedarf von ca. 300 Euro. Das heißt: jedes Mitglied bringt 10 Euro ein. Ohne den Aufbau einer Reserve kommt man leicht in Schwierigkeiten. Es brauchen nur einige aus zu fallen und schon klafft eine Lücke, die von Monat zu Monat größer werden kann. Wer auf Nummer sicher gehen will, der setzt den monatlichen Beitrag auf 15 Euro. Ein leistungsstarker Chor kann seine erfolgreichen Konzertprogramme mehrfach aufführen und auch so Einnahmen generieren. Mit einen musikalischen Leiter, der selbst arrangieren kann, schafft sich der Chor auch hierüber ein eigenständiges Profil. Braucht aber Kompetenz, Zeit und Geld und die Frage der Rechte und der GEMA müssen geklärt sein. Mit Konzerten lassen sich durchaus 2 bis 3 Monatsgehälter für den Chorleiter einspielen. So steht ein Chor auf Dauer auf soliden Beinen und alle sind mit dem fairen Umgang mit den finanziellen Ressourcen zufrieden. Die Ausführungen zeigen, dass ein Chor ein kleines Wirtschaftsunternehmen darstellt, in dem Geld eine wichtige Rolle spielt. Wenn sich hier niemand übervorteilt oder ausgenutzt fühlt, kann etwas ganz besonderes entstehen. Unterschiedliche musikalische Ausrichtungen tun einer neuen Chor – und Ensemble – Szene gut. Ich würde mir darüber hinaus sehr wünschen, dass wir uns gegenseitig wahrnehmen und die Konzerte anderer Chöre wohlwollend wahrnehmen und besuchen. Vielfalt statt Konkurrenz heißt die Devise.

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