Was stimmt nicht bei 3-stimmig?

Dreistimmiger-Chor

„Suche einfache 3-stimmige Literatur für gemischten Chor. Kannst du da was empfehlen?“
So (oder so ähnlich) laufen mir regelmäßig Anfragen über den Weg. Und jedes Mal muss ich achselzuckend erwidern: „Meine Chöre singen nicht dreistimmig“. Als ich vor kurzem einen neuen Chor bekam, musste auch ich mich mit diesem Thema beschäftigen, denn der Chor hatte in den letzten zwei Jahren nur noch solche Sätze gesungen.

Viele Chöre kennen das Problem: Neben Überalterung (oder wie ich es nenne „Unterjüngung“, denn das Problem sind ja nicht die vorhandenen Alten sondern die fehlenden Jungen – aber das ist ein eigener Artikel) findet man immer häufiger das Problem der fehlenden Männerstimmen.
Also einfach eine Stimme weglassen? Na wenn das so einfach wäre! Bässe können keinen Tenor singen und Tenöre keinen Bass. Wer sich ein bisschen mit der Materie auskennt, dem dürfte das klar sein. Also müssen wir ein „Mittelding“ finden. Um den gemischten Klang zu wahren, sollte schon etwas Grundtöniges daher. Also doch ein Bass? Naja, sagen wir ein Bass, der nach unten ein bisschen beschnitten ist.

Realität, Harmonien und der ganze Rest

Nun kommen die nächsten Probleme. So recht wahrhaben will das aber fast niemand. Wenn ein Sänger seit Jahren oder Jahrzehnten in einem gemischten Chor die Tenorstimme singt, ist er es gewohnt, Terzen und Sexten zu hören und über dem Sopran zu „schweben“. Zumindest sollte er das sein. Ein Tenorsänger kann sich gut vorstellen wie ein Tenor zu klingen hat. Nun soll dieser Tenor plötzlich grundtönig singen? Nach meiner Erfahrung funktioniert das nicht ohne weiteres und erst recht nicht im Wechsel mit vierstimmiger Literatur („die alten Lieder können wir ja noch vierstimmig machen…“).

Dann wäre da noch die Schwierigkeit mit den Harmonien. Ein konkretes Beispiel, das mir bei einem professionell verlegten Stück kürzlich untergekommen ist: Dreistimmiger Satz, Männer singen meistens Grundtöne, ab und zu eine Terz, damit’s nicht langweilig wird. An allen Halbschlüssen und Schlusstönen finde ich dann plötzlich den gleichen Ton im Alt und bei den Männern. Ich wollte zunächst den Verlag anschreiben: „Wenn ich sowieso nur drei Stimmen zur Verfügung habe und dann zwei davon auch noch das Gleiche singen, …“ Der Chor wollte dieses Stück unbedingt aufführen, also denken wir ein bisschen um.
Sopräne nach oben, Alt rückt nach. Naja, für diesen Schluss dürfte das gehen. In der nächsten Probe dann die Frage: „Wie hatten wir das jetzt nochmal gesungen?“. Also das kann auf Dauer auch nicht die Lösung sein.

„Aber Christoph, was ist denn nun die Lösung für dieses Dilemma?“

Nun, wenn ich eine hätte, wäre ich heute erfolgreicher Verleger. Für meine Chöre gilt nach wie vor: Lieber zwei Tenöre und zwei Bässe als vier Tenässe. Es gibt durchaus Literatur, die für beide Stimmen leichter zu singen ist, aber trotzdem noch gut klingt.
Darüber hinaus muss man bestimmte Stücke auch mal nicht singen, wenn das in den Männerstimmen nicht klappt. Frauenchor ist auch noch eine Option, wenn auch nicht die meiner Wahl. Wenn ich wirklich nicht um die Dreistimmigkeit herumkomme, würde ich darauf achten, dass meine Männer die jetzt neue Funktion im Chor verstehen.
Arbeiten Sie mit einer neuen Sitzordnung, die ehemaligen Tenöre hinter den Sopränen werden meistens in der Dreistimmigkeit nicht glücklich. Wenn Sie die Möglichkeit haben, selbst zu arrangieren, fragen Sie sich, ob Ihre Frauen nicht mehr leisten können.
Ich bin mit SSAM-Sätzen auch schon ganz gut gefahren. Oder SSATB, wenn ich dadurch die Männerstimmen ein bisschen „entlasten“ kann. Sie merken hier wird es plötzlich sehr individuell. Und genau das können meiner Meinung nach die „Mainstream-Sätze“ nicht abbilden.

Tipps für Gospelchöre

Ein Hinweis noch an die Gospelchöre. Oft finde ich in Gospelsätzen tierisch hohe Tenorstimmen (über das Thema „weibliche Tenöre“ folgt noch ein Beitrag). Hier werden Sie mit „Weglassen“ der Bassstimme nicht weiterkommen, da kein Bass in der Lage ist, das zu singen.
Lassen Sie hier Tenöre Tenöre sein und im Zweifel die Bässe die Melodie mitsingen. Das ist nicht die beste Wahl, aber damit kommen Sie immerhin weiter und müssen Ihre Bässe nicht vergraulen. Eine eigene Bassstimme wird in dieser Art von Musik sowieso meistens von Instrumenten übernommen.

Christoph Tiemann

Seit frühester Kindheit singt Christoph Tiemann (30) im Chor. Seit seinem 16. Lebensjahr ist er selbst Leiter diverser Chöre „auf dem Land“ in seiner Heimatregion – Kinder-, Jugend-, Gospel-, Kirchen-, Männer-, Frauen- und gemischte Chöre hat er geleitet bzw. tut es heute noch. Er ist Organist und begleitet Chöre auf dem Klavier. Außerdem bietet er Chor-Workshops im Bereich Popularmusik, Technikkurse für Chöre und deren Leiter sowie Fortbildungen zu Themen aus dem Chor-Management an. „Musik ist Passion. Nur wenn ich selbst von etwas überzeugt bin, kann ich es auch verkörpern“ – so seine Devise.

1 Kommentar zu Was stimmt nicht bei 3-stimmig?

  1. Es wäre mal ein guter Versuch mit Stimmbildung Männern zu zeigen, wie man in die Höhen kommt. Männer kommen höher als sie denken. Ich habe genug Chorworkshops durchgeführt, wo von 10 Männern acht sagten: „Wir sind Bass“. Da man in der Gospelmusik einen kräftigen Tenor braucht, häufig aber leider nur wenig Männer hat, hatte ich zum Schluss des Workshop vielleicht noch zwei Bässe, dafür aber viele Tenöre, die mit Spaß und Begeisterung doch höher singen konnten, als sie vorher dachten.

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