Wie viele Sänger braucht der Chor?

Wie viele Sänger braucht der Chor

Diese Frage stelle ich mir, nachdem ich gestern eine Chorprobe aufgrund subjektiv zu weniger Sänger habe ausfallen lassen. Wie viele Sänger sind für eine sinnvolle Durchführung einer Chorprobe erforderlich?

Wie fange ich an?
Müssen es 10, 20, gar 30 oder 40 Leute sein, um gut singen zu können? Ich glaube, das ist zu kurz gegriffen. In meinem Vokalensemble reichen vier. Die reine Anzahl kann also nicht das Kriterium sein. Wenn aber von diesen vieren einer nicht da ist, lassen wir in der Regel die Probe ausfallen. „Proben ohne unsere Sopranistin bringt doch nichts“. Das wären 25 Prozent. Wenn in einem Chor mit 40 Leuten 10 (also wieder 25 Prozent) fehlen, ist das vermutlich ärgerlich, aber der Chor könnte wohl noch singen.

Gute und sichere Sänger werden benötigt

Ich möchte gleich zu Beginn einmal ehrlich sein, so hart das auch klingen mag: In vielen Chören (ich rede hier über Laienchöre auf dem Land ohne Aufnahmeprüfung oder so etwas) gibt es:

  1. Sänger, die schlecht, z.B. schief singen oder nicht sauber intonieren oder rhythmisch oft daneben liegen oder was man sonst noch so falsch machen kann. (Störer)
  2. Sänger, die nicht singen. Ja, Mitglieder dieser Spezies habe ich auch schon oft beobachten können. Interessanterweise fehlen diese nach meinen Beobachtungen eher selten. Sie machen mir nichts kaputt, und beim Auftritt habe ich ein paar Leute mehr. (Füllsand)
  3. Sänger, die nur dann gut singen können, wenn sie eine „starke Stimme“ neben sich haben. (Ich nenne sie Mitläufer)

Nun, die ersten beiden Gruppen muss ich bei der oben genannten Frage erst einmal herausnehmen. Im Hinblick auf „gutes Singen“ brauche ich diese gar nicht. Die Nichtsänger würde ich ja wegen ihrer Funktion als „Lückenfüller“ noch stehen lassen. Die Frage aber, wie mit notorischen Falschsängern umzugehen ist, wird uns sicherlich noch mal beschäftigen. Kategorie 3 kann alleine zu wenig.

Laut sein ist nicht alles
Laut sein ist nicht alles

Es braucht also gute, sichere Sänger. Und diese in jeder Stimme. Das ist das Fundament, das alles andere mittragen kann. Es kommt also auf einzelne Personen an und nicht auf die Anzahl oder einen Prozentsatz. Je mehr Mitglieder ein Chor hat, umso weniger spielt die Frage nach „Singfähigkeit“ eine Rolle, da automatisch auch mehr „gute“ Sänger da sein sollten. Habe ich aber nur 20 und davon fehlen auch noch acht, wird es vermutlich eng. Dann kann man besser nicht proben bzw. auftreten. Bei der Probe wäre es noch egal.

Hier gibt es zwei Gründe, die mich davon abhalten:

  1. Ich bekomme vermutlich kein gutes Probenergebnis hin. Das ist demotivierend. Wenn alle da sind klingen die Stimmen zusammen gut, aber wenn ich zwei Altistinnen mit einem Bass zusammen singen lasse, wird das nichts – vor allem, wenn der Bass auch noch aus einer der o.g. Gruppen kommt. Zumal alleine singen, bzw. in so kleinen Gruppen auch lange nicht jedermanns Sache ist. Und ich möchte nicht, dass sich meine Schäfchen unwohl fühlen.
  2. Ich fange nächste Woche doch wieder von vorne an, weil zu viele Sänger die Übungen, Hinweise, Töne und Textverteilungen nicht mitbekommen haben. Das demotiviert mich als Chorleiter. Ich bin es zwar gewohnt, dass man Dinge wiederholen muss, aber alles nochmal auf Anfang ist dann doch nicht so meine Wunschvorstellung. Da lasse ich die Probe lieber ausfallen.

Chorprobe: Absagen im Vorfeld helfen allen Beteiligten

Gestern haben wir spontan entschieden, dass wir gleich „mit der Pause anfangen“. Das ist auch mal ganz schön, aber eben auch ärgerlich.
Ich habe eine Probe vorbereitet. Ich bin eine halbe Stunde her- und muss die gleiche Zeit wieder zurück fahren. Ich hatte vorher noch Zeitdruck um pünktlich da zu sein. Das alles hätte ich nicht gebraucht. Unabhängig von der Frage, ob ich diese Probe nun bezahlt bekomme oder nicht, ärgern mich solche Situationen. Wenn ich vorher gewusst hätte, dass wir nicht singfähig sind, hätte ich den Abend genauso gut auf dem Sofa verbringen können, genau wie die anwesenden Sänger.
Daher möchte ich gerne, dass sich abmeldet, wer nicht kommt. Dann kann man das im Voraus entscheiden. In den meisten Chören klappt das auch ganz gut, nur gestern nicht 😉
Damit sind wir auch wieder bei dem Thema der Kommunikation untereinander, der hier kurz angerissen wurde.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch!

Ein Punkt ist mir noch wichtig, gerade weil das oben gesagte doch sehr „perfektionistisch“ klingt:

Jeder Sänger ist wichtig.

Der „Nichtsänger“ ist vielleicht ein hervorragender Notenwart. Die „schiefe“ Altistin ist eine so herzliche Seele, die alleine durch ihre Anwesenheit immer für eine gute Atmosphäre sorgt. Außerdem hasse ich diese Situationen: Vor dem Auftritt wird gefragt: „Wer ist am Samstag nicht da?“ Finger gehen hoch. Als Chorleiter soll ich jetzt entscheiden, ob ich auf Margret verzichten kann und auf Stefanie nicht? Eine schwierige Aufgabe.

Ein befreundeter Chorleiter hat mir mal erzählt, dass jeder seiner Sänger ein T-Shirt mit einem großen Buchstaben auf der Brust hat. Nur, wenn alle da sind, ergibt sich der Name des Chores.

Christoph Tiemann
Christoph Tiemann

Seit frühester Kindheit singt Christoph Tiemann (30) im Chor. Seit seinem 16. Lebensjahr ist er selbst Leiter diverser Chöre „auf dem Land“ in seiner Heimatregion – Kinder-, Jugend-, Gospel-, Kirchen-, Männer-, Frauen- und gemischte Chöre hat er geleitet bzw. tut es heute noch. Er ist Organist und begleitet Chöre auf dem Klavier. Außerdem bietet er Chor-Workshops im Bereich Popularmusik, Technikkurse für Chöre und deren Leiter sowie Fortbildungen zu Themen aus dem Chor-Management an. „Musik ist Passion. Nur wenn ich selbst von etwas überzeugt bin, kann ich es auch verkörpern“ – so seine Devise.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


Ich akzeptiere die Datenschutzhinweise.

*