Der rote Faden: Das (fast) perfekte Chorkonzert – Teil 5

Storytelling und Struktur für das Konzert

Artikelbild Chorkonzert Teil 5

Heute geht es um den konkreten Ablauf unseres Konzertes. Ich hatte schon einige Male beschrieben, dass ich es mag, wenn ein Konzert einen roten Faden hat. Aber was heißt das? Und wo ist das Geschäft in dem man rote Fäden kaufen kann und was kosten die?

Spaß beiseite. Heute zeige ich Ihnen an zwei Beispielen, wie ich mir so einen roten Faden vorstelle. Bei der Ideensammlung ganz am Anfang waren ja schon etliche Lieder rausgekommen, aus denen man was machen kann. In welcher Reihenfolge ich die proben möchte, wie wichtig sie mir sind und so weiter, hatte ich auch schon festgelegt.
Jetzt muss ich mich fragen, wie diese sinnvoll zusammenpassen.

Möglichkeit 1: Storytelling mit einer Rahmengeschichte

Bei meinem Seefahrtskonzert waren einige Dinge schnell klar. Dass wir einen „Seebären“ als Moderator haben wollten zum Beispiel. Also ließen wir ihn eine Geschichte erzählen, die immer wieder vom Chor mit den passenden Liedern ergänzt wurde.

Es ging damit los, dass er Fernweh hatte (Ich war noch niemals in New York). Er wurde immer wieder in seinen Überlegungen bestärkt (Seemann, lass das Träumen – deine Heimat ist das Meer). So beschloss er schließlich auf große Fahrt zu gehen („heute an Bord, morgen geht’s fort“). Die Frauen verabschieden ihre Männer im Hafen („Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr“).

Chorkonzert Fernweh vermitteln

Während sie dann unterwegs sind, kommen allerhand Seefahrerlieder und Shantys zum Einsatz. Im Zusammenspiel mit dem Moderator und seiner Geschichte werden die Freiheiten („Die Liebe der Matrosen“), und alle möglichen Umstände („Es gibt nur Wasser“ von Santiano, „wir lagen vor Madagaskar“, …) beschrieben und besungen.
Nach einer Pause (Ich sage nur: Fischbrötchen und Rum …) haben die Frauen Sehnsucht („Jetzt bist so weit, weit weg von mir“) und der Seemann hört das Rufen seiner Liebsten („weit übers Meer“). Also beschließt er, zurückzufahren und am Ende schließen sich beide wieder in die Arme („Rolling home, mien deern to di“).
Ende gut alles gut.

Fischbrötchen beim maritimen Chorkonzert
Passende Verpflegung für das Publikum

Dramaturgie mit inhaltlich passenden Stücken

Das ist in Ausschnitten das, was ich meine. Denken Sie sich eine Geschichte aus, die sich um die von Ihnen ausgewählten Stücke dreht. Somit haben Sie eine inhaltliche Dramaturgie. Oft folgt die musikalische dann einem ähnlichen Muster und Sie müssen sich keine Gedanken mehr über Spannungsbögen machen.

Die Rahmengeschichte passt immer dann, wenn Stücke inhaltliche Gemeinsamkeiten haben, aber von der Aussage her doch unterschiedlich sind. Und plötzlich grätscht die Kreativität wieder in alle vorherigen Überlegungen: „Ich war noch niemals in New York“ stand überhaupt nicht auf meiner Liste, da es ja eigentlich auch nichts mit Seefahrt zu tun hat. Als sich jedoch die Geschichte langsam aufbaute, kam einer meiner Sänger auf diese Idee. Das Lied hatten wir schon mal gesungen, also rein damit.

Möglichkeit 2: Die Blockvariante

Lassen sich die ausgewählten Lieder überhaupt nicht in eine Geschichte zwängen, z.B. weil sie inhaltlich viel zu weit auseinanderdriften, arbeite ich gerne in Blöcken. Drei oder vier solcher Blöcke, die dann in sich wieder Gemeinsamkeiten von Liedern vereinen.
Beispiel Heimatkonzert:

Block I: Heimat früher – Heimat heute

Hier wird es darum gehen, wie Heimat früher besungen wurde („Kein schöner Land in dieser Zeit“) und wie das heute passiert („Hoch im Norden weht ein rauer Wind“ – für Süddeutschland gibt es bestimmt auch was Passendes …).

Chorkonzert Heimat

Block II: Heimat – wo ist das?

Das Dorf, in dem der Chor probt, hat eine eigene Hymne. Die wird natürlich gesungen. Für die Region gibt es auch eine. In unserem Fall kommt dann als nächstes das Niedersachsenlied.
Warum nicht auch mal die Nationalhymne im schönen Chorsatz? Zur Europa-Hymne hab ich neulich mal irgendwo so eine Swing-Version gesehen.
Zum Schluss könnten wir noch „We are the world“ singen. Da gab es doch irgendwo eine Ausgabe mit Kinderchor (Kinder bringen immer Publikum!).

Block III: Fernweh, die Heimat verlassen oder auch dorthin zurückkehren

Hier tue ich mich zurzeit noch etwas schwer. Ich möchte einerseits „Ich war noch niemals in New York“ mal wieder unterbringen, dieser Chor kennt das nämlich auch. Kurzzeitiges „Ausbrechen“ für den Urlaub gehört hier rein (z.B. „Ab in den Süden“).
Eigentlich möchte ich aber auch das Flüchtlingsthema zumindest am Rande aufgreifen, aber es soll nicht politisch werden. Hintenrum durch die Brust ins Auge halt. Auch das ist Heimat. Aber bis zu dem Konzert sind noch ein paar Monate Zeit.

Thematische Blöcke beim Chorkonzert müssen moderiert werden

Sie sehen, jeder Block geht einer eigenen Frage nach. Auch so kann man Lieder sinnvoll kombinieren. Dazwischen sinnvoll überleiten ist dann die Hauptaufgabe des Moderators. Dieses spezielle Konzert findet in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Heimatverein statt.
Es gibt zu jedem Block noch einen nicht-musikalischen Beitrag. Zum ersten Block eine Videocollage „Was ist für dich Heimat?“, zum zweiten ein kleines Heimatquiz (Der Mann einer Sängerin ist Elektriker und hat eine Buzzer-Säule mit Hupe und Licht versprochen …).
Hier können dann Heimatverein gegen Gesangverein um die Ehre spielen.
Zum dritten Block gibt es einen Sketch. Ich hatte da an was mit Reisebüro gedacht …

Chorkonzert Moderator
Der Moderator sollte passend gekleidet sein und nicht allzu hölzern durch das Programm führen können

Kann das alles auch umgesetzt werden?

Sollte ich feststellen, dass schon jetzt nicht mehr alles mit meinem Chor zu schaffen ist, muss ich reagieren. Entweder der Chor muss noch mehr Sonderproben auf sich nehmen oder ich muss mir was anderes einfallen lassen.
Gegen „dieses Lied will ich unbedingt drin haben“ kann zum Beispiel eine gute Gesangssolistin helfen. Die hat das in einer Probe drin und ich muss das nicht mit dem Chor machen. Gerne fülle ich das Programm auf, indem ich das Publikum etwas singen lasse. War bei den Seemannsliedern natürlich der Bringer.
Liedtexte ins Programm drucken, Akkordeon dazu und die Zuhörer konzertieren lassen. Es gibt immer ein paar Stücke, die Sie „abgeben“ können. Abgesehen davon bringt das auch etwas Abwechslung ins Konzert.

Ich hoffe, Ihnen heute wieder ein paar Anregungen gegeben zu haben. Im nächsten Teil werden wir uns der Werbung und den Formalitäten widmen. Das Konzert rückt immer näher!

Die anderen Teile dieser Artikelserie:

Das (fast) perfekte Chorkonzert Teil 1
Das (fast) perfekte Chorkonzert Teil 2
Das (fast) perfekte Chorkonzert Teil 3
Das (fast) perfekte Chorkonzert Teil 4

Christoph Tiemann
Christoph Tiemann

Seit frühester Kindheit singt Christoph Tiemann (30) im Chor. Seit seinem 16. Lebensjahr ist er selbst Leiter diverser Chöre „auf dem Land“ in seiner Heimatregion – Kinder-, Jugend-, Gospel-, Kirchen-, Männer-, Frauen- und gemischte Chöre hat er geleitet bzw. tut es heute noch. Er ist Organist und begleitet Chöre auf dem Klavier. Außerdem bietet er Chor-Workshops im Bereich Popularmusik, Technikkurse für Chöre und deren Leiter sowie Fortbildungen zu Themen aus dem Chor-Management an. „Musik ist Passion. Nur wenn ich selbst von etwas überzeugt bin, kann ich es auch verkörpern“ – so seine Devise.

1 Kommentar zu Der rote Faden: Das (fast) perfekte Chorkonzert – Teil 5

  1. Hallo Herr Tiemann,
    Ihre Artikelreihe zum „fast perfekten Chorkonzert“ gefällt mir. Mein Chor veranstaltet regelmäßig Konzerte mit ausgewählten Mottos. Wir hatten schon die Themen Reise um die Welt, Filmrevue, Liebe ist…, Tanz, Zeit, uvm.
    Für das nächste Konzert gibt es noch keine greifbaren Ideen. Beim Lesen ihres Artikels gefiel mir das Heimat-Motto. Und auch das Seefahrer-Thema mit einem befreundeten Shantychor könnte ich mir gut vorstellen. Könnten Sie mir vielleicht ihre gesammelten Liedvorschläge zur Verfügung stellen? Das wäre wirklich super…
    Danke im Voraus, K. Harless

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