Mut – Strategie – Teamgeist | Einen Chor im Chor gründen

Drei wichtige Säulen um einen von Sängerschwund betroffenen Chor wieder auf die Beine zu stellen sind Mut, Strategie und Teamgeist.

Im letzten Jahr übernahm ich einen Chor, den ich vor knapp zehn Jahren schon einmal vertretungsweise geleitet hatte. Ich hatte einen ziemlich durchschnittlichen Chor in Erinnerung. Um die 25 Sänger, manche besser, manche schlechter. Nun hat auch an diesem Chor der Zahn der Zeit ein wenig genagt. Wenn alle da sind, habe ich heute noch 18 Sänger. Drei Bässe, drei Tenöre, vier Altistinnen und im Verhältnis ziemlich viele Sopräne.

Da zusätzlich noch so typische Schwierigkeiten wie die so genannten „U-Boot-Sänger“ (das sind die, die nur ab und zu auftauchen) wie auch das teilweise hohe Alter der Sänger Probleme bereiten, ist es höchste Zeit, die Reißleine zu ziehen und etwas anderes zu probieren. Denn mit so wenig Sängern, die teilweise nicht regelmäßig kommen oder aufgrund ihres Alters kein hohes Probentempo „vertragen“, muss ich mich doch fragen, wie lange das noch gutgeht.

Anforderungen um mehr als nur mittelprächtig zu sein

Ich probe selbst einfachste Stücke elendig lange, um dann ein mittelprächtiges Ergebnis zu bekommen. Noch weniger als dreistimmig ist dann irgendwann auch kein gemischter Chor mehr. Moderne Lieder? Kann ich vergessen. Selbst allseits bekanntes wie „Im Wagen vor mir“, bei dem die Melodie in den Männerstimmen liegt, klingt ziemlich „holprig“. Also Rhythmus ist auch schwierig.

Mut-Strategie-Teamgeist-Ohren-zu-halten

All das demotiviert nicht nur mich als Chorleiter, sondern auch die Sänger, die von sich selbst eigentlich mehr erwarten. Und es täuscht darüber hinweg, dass es in diesem Chor abseits der vielen Schwierigkeiten auch noch „Potenzial“ – in diesem Fall in Form einer guten Handvoll Sängerinnen – gibt. Diese sind jung, motivationsfähig und singen ziemlich gut. Sie sind es, die momentan das Singen in diesem Chor überhaupt noch möglich machen.

Was ist also zu tun? Wenn ich mich umschaue, wo Chöre in meiner Umgebung keine Nachwuchssorgen haben, scheint es besonders drei Stellschrauben zu geben, die dazu beitragen können, einen Chor auch für neue Sänger attraktiv zu machen:

  • 1. Ein zeitgemäßes Programm, in dem populäre, moderne Lieder auftauchen, die der potenzielle neue Sänger auch kennt – (Da ich mal ein bisschen Latein lernen durfte, weiß ich, dass das, was heute als Popularmusik – oder kurz Popmusik – von vielen sehr kritisch beäugt wird, wörtlich übersetzt „Musik des Volkes“ ist. Also das heutige Volkslied.)
  • 2. Anspruch an Qualität. Scheinbar sind junge Leute bereit, Zeit in Chorproben und Konzerte zu investieren, wenn es sich lohnt und ein hochwertiges Ergebnis bringt. Das wird vermutlich schon immer so gewesen sein, aber ich beobachte, dass viele Ensembles, die auch heute einen enormen Zuwachs an Mitgliedern verzeichnen, teilweise Aufnahmeprüfungen machen und das dem Zustrom keinen Abbruch tut.
  • 3. Auftritte und ein gutes Bild in der Öffentlichkeit. Attraktivität muss nach außen ausstrahlen und das schafft man nicht, wenn man im Probenraum verharrt. Bühnenbild, Kleidung, Choreografie, Singen ohne Noten bei guten Auftritten, bei denen die „Zielgruppe“ auch anwesend ist. Nur so können wir zeigen, was wir können.

Ein Lösungsansatz: Der Chor im Chor

Da all das viel Zeit braucht und nicht von heute auf morgen (bzw. mit so manchem Sänger gar nicht) zu machen ist, hatte ich mir für meinen Chor überlegt, mit meinen „Potenzialsängerinnen“ ein zusätzliches Ensemble zu gründen, mit dem das alles vielleicht etwas schneller umsetzbar ist.
Nun ist das Konzept „Chor im Chor“ nicht neu. Bei einigen hat es funktioniert, bei anderen nicht. Aber ich verspreche mir in diesem speziellen Fall viel davon. Wir könnten neue Lieder in kürzerer Zeit lernen. Die jungen Stimmen klingen auch jünger, Rhythmus (gerade wenn ich an die vielen Synkopen in der Popmusik denke) sollte etwas einfacher zu lernen sein und wir könnten auch in Richtung Bühnenpräsenz Dinge ausprobieren, an die ich mit dem jetzigen Chor gar nicht zu denken wage.

Dieser „kleine Chor“ könnte also zum Aushängeschild werden und mittelfristig auch neue Sänger ziehen. Nun steht nächste Woche die Generalversammlung an und ich werde zusammen mit dem Vorstand die Idee vorstellen. Und jetzt bin ich auch endlich bei der Überschrift angelangt. Für ein solches Unterfangen braucht es nämlich:

MUT

Wir alle betreten Neuland. Ich als Chorleiter singe mit Ensembles, weiß aber auch, dass hier die wenigen Mitglieder besonders gut miteinander harmonieren müssen. Wird das mit einem „zusammengewürfelten Haufen“ schnell zu einem Ergebnis führen?
Aber auch der Chor weiß noch nicht, worauf er sich einlässt. Wenn wir also auch alle eingesehen haben mögen, dass es ein vielversprechendes Konzept ist, was ist, wenn es nicht klappt? Wir brauchen also Mut. Andererseits haben – glaube ich – auch alle Sänger realisiert, was passiert, wenn wir nichts versuchen.

Strategie im Chor
Sinnvoll: Eine Strategie zu haben

STRATEGIE

Hier geht es um klar definierte Spielregeln. Zum Beispiel:

  • Wer im kleinen Chor singen will, muss auch im großen singen.
  • Wir teilen uns die Probe. Die erste Stunde bekommt der große Chor, der kleine Chor hängt dann alleine noch eine Stunde dran.
  • Der kleine Chor tritt nicht alleine auf, sondern nur, wenn der große auch auftritt.
  • In einem Jahr wird Rückschau gehalten. Müssen die Regeln angepasst werden? Wie ist der Stand? Was hat sich entwickelt?

Wichtig ist mir, dass es für ein Jahr einen Plan mit Regeln gibt und wir erst dann frei entscheiden, wie es weitergehen soll. Ob sich der kleine Chor wieder auflöst oder der große oder beide? Oder ob man wieder erstarkt ist und alleine weiter kann oder ein weiteres Jahr dranhängen möchte? All das ist heute noch nicht dran, sondern wird erst in einem Jahr beraten.

Teamwork im Chor
Zusammen arbeiten. Zusammenhalten.

TEAMGEIST

Das scheint mir in diesem Zusammenhang das Wichtigste zu sein. Natürlich wird der „kleine Chor“ dem großen gerade bei den Auftritten ein bisschen die Butter vom Brot nehmen. Andererseits werden vor allem die Älteren im „großen Chor“ auch entlastet, da jetzt zum Beispiel das Probentempo etwas angepasst werden kann.
Der gesamte Chor finanziert das Vorhaben, wenn auch die Sänger, die nur im „großen Chor“ sind, plötzlich nur noch die Hälfte der Probenzeit haben. Auch das braucht ein funktionierendes Miteinander. Jeder im Chor muss verstehen, warum wir diesen Versuch machen. Es geht doch einzig und alleine darum, den „großen Chor“ zu erhalten, auf keinen Fall wollen wir uns Konkurrenz im eigenen Hause basteln.

Auch für mich ist dieses Konzept wesentlich mehr Arbeit. Ich muss für zwei Chöre Proben vorbereiten. Im besten Fall ist der kleine Chor besonders „hungrig“, wofür ich ständig neue Stücke parat haben müsste. Das ist definitiv mehr Arbeit als für einen Chor, der nur schleppend vorankommt. Aber auch ich nehme das gerne auf mich – wenn alle mitmachen und es uns alle weiterbringt.

Haben Sie Erfahrungen mit solchen Konzepten? Lassen Sie uns und die anderen Leser gerne in den Kommentaren teilhaben!

Christoph Tiemann

Seit frühester Kindheit singt Christoph Tiemann (30) im Chor. Seit seinem 16. Lebensjahr ist er selbst Leiter diverser Chöre „auf dem Land“ in seiner Heimatregion – Kinder-, Jugend-, Gospel-, Kirchen-, Männer-, Frauen- und gemischte Chöre hat er geleitet bzw. tut es heute noch. Er ist Organist und begleitet Chöre auf dem Klavier. Außerdem bietet er Chor-Workshops im Bereich Popularmusik, Technikkurse für Chöre und deren Leiter sowie Fortbildungen zu Themen aus dem Chor-Management an. „Musik ist Passion. Nur wenn ich selbst von etwas überzeugt bin, kann ich es auch verkörpern“ – so seine Devise.

Chornoten Arrangement-Verlag

3 Kommentare zu Mut – Strategie – Teamgeist | Einen Chor im Chor gründen

  1. Moin Christoph,
    ich habe leider keine Erfahrungswerte dazu. Bin im 4. Jahr des Aufbaus eines neuen Chors und bei der Problematik „U-Boot-Sänger“ und „schleppendes Vorankommen“ besonders hellhörig geworden.
    Andersherum habe ich die Möglichkeit, einen kleinen „Elitechor“ zu machen vor ca. 2 Jahren nicht genutzt. Aus Rücksicht zu dem großen Chor. (Die „Elitesänger“ wollten sich so vom „langweiligen Chor“ abspalten, das fand ich nicht gut) Beides miteinander zu koppeln, darauf kam ich irgendwie gar nicht.
    Eine Verringerung der Probenzeit für den großen Chor fände ich auch nicht gut – wir brauchen die Zeit, um uns zu „finden“ und ein harmonisches Denken bei den Sänger/innen zu schaffen.
    Meine Frage: Dein Artikel ist von Ende Januar 2017. Nach einem Jahr wolltest du das Konzept auf den Prüfstand stellen. Kannst du schon Ergebnisse nennen?
    Viele Grüße
    Michael

  2. Hallo,
    ich singe auch in einem Frauenchor.

    Bin selber ende 40 und 12 Jahre dabei.
    Wir haben einen Altersschnitt von Mitte/ Ende 20 bis 80 Jahre.
    2x Meisterchor geworden. …. mit 52 Aktiven

    Unsere Qualität hat, in den letzten Jahren, auch sehr gelitten.

    Es wird immer das selbe/gleiche gemacht.
    Die „alten“ wollen kaum was neues probieren und sind festgefahren.
    Ehrlich gesagt, gehe ich auch selten hin und gehöre somit zu den U-Booten, da mir die Motivation fehlt.

    Lieder die schon immer gesungen werden, da werden die Notenblätter ausgepackt.
    Zu 90 % kann ich auswendig was wir lernen / gelernt haben.

    Unser Chorleiter ist auch nur noch Halbherzig dabei.

    langweilige Chorkleidung (schw/schw mit einem Schal …. wie alle)
    unser Name ist langweilig/ abgedroschen

    Momentan singen wir nur noch
    Ständchen für unsere zahlenden inaktiven Mitglieder
    auf Beerdigungen
    und gehen zu langweiligen Liederabenden, bei denen ein Chor dem anderen singt, da kaum Publikum vorhanden
    das Lieblingslied aus der ganzen Gemeinde, kann man „eigentlich“ schon rückwärts singen.

    Aktiv im Chor sind wir im Moment etwa 35 (!)

    Nach meiner Meinung:
    müssen Konzert organisiert werden, bei denen auch Publikum unter 50 (oder besser noch jünger) kommen will / kommt.

    Auch wir haben einen „Unterchor“, vor einigen Jahren, gebildet.
    Bei dem Anfangs ca 12 neue Sänger waren.

    Dieser wurde dann in den Chor integriert.
    Übrig geblieben sind maximal 4 Sängerinnen.

    Wie ist ihr Konzept aufgegangen?
    Freue mich auf Antwort

  3. Ich finde das Konzept auch sehr interessant und mich würde auch mal interessieren, wie es sich entwickelt hat. Würde mich auf Antwort freuen, da wir in unserem Chor ähnliches überlegen.
    Viele Grüße
    Helga

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