Chancen für betagte Chöre – Durch Singen jung bleiben

Immer mehr traditionelle Chöre erleben zur Zeit eine Überalterung, wobei sich deutliche Unterschiede zwischen ländlichen und dicht bevölkerten Gebieten zeigen. Eine ausweglose Situation?

In den ländlichen Bereichen vergreisen die Chöre eher. Oft mangelt es an Nachwuchs, dagegen gibt es viele neue Gründungen von Chören. Die traditionellen Chöre befinden sich in einer ausweglosen Situation, wenn man ihnen Glauben schenken mag. Doch die im Alter verfügbare Freizeit, die Lebensfreude und meist sogar eine langjährige Chorerfahrung im Kreise gleichgesinnter Freunde sind doch etwas Vorzeigbares. Und an der eigenen Qualität lässt sich arbeiten.

Singen im dritten Lebensabschnitt

Während des Alterungsprozesses fällt dem Ein oder Anderen das Chorsingen nicht mehr so leicht wie in jungen Jahren. Und doch haben die faltigen Stimmen gerade in dieser Zeit etwas Besonderes.
Der Stimmklangverlust findet meist in einer erschlafften Muskulatur zwischen den Rippen, im Rücken und im Bauch seine Ursache. Ein tägliches Training wäre nicht nur gesundheitsfördernd, es erzielte sogar bei den älteren Sängern „hörbare“ Erfolge, wenn sie es denn wollten. Der dritte Lebensabschnitt kann also eine enorme Bandbreite von Emotionen entfalten und hat stimmlich auch noch so einiges zu bieten. Zudem profitieren das Gedächtnis, wie auch das Gehör vom Singen.

  • Singen macht den Kopf frei
  • Singen überwindet Leid und Trauer
  • Singen macht glücklich
  • Singen ist gut für unser Gemüt
  • Singen hat eine gesundheitsfördernde Wirkung
  • Singen können auch Menschen älterer Generationen erlernen

Die Seniorenstimme ist natürlich einigen Veränderungen unterworfen: Sei es nun der Stimmumfang, die Stimmbeweglichkeit oder das Atemvolumen. Aber auch die Sehleistung, die allgemeine Kondition mit teils eingeschränkter Mobilität, oder gar ein schwächeres Gehör, welches Intonationsschwierigkeiten nach sich zieht. Alle diese Veränderungen sind Chorleitern/Innen mit Seniorenchor-Erfahrung nicht fremd.

Spezielles Einsingen mit Lockerungsübungen

Ein spezielles Einsingen wird man mit Lockerungsübungen beginnen, denn Stimm- und Chorklangtraining sollten gerade bei diesen Chören der Auftakt zu jeder Chorprobe sein. Seniorenchorerfahrene Chorleiter/Innen werden ihre Sänger zu motivieren wissen. Passives und starrsinniges oder gar ablehnendes Verhalten so einiger älterer Sänger sind keine gute Voraussetzung für eine Neuorientierung und somit für den Fortbestand eines von der Vergreisung betroffenen Chores.

Ein altes Sprichwort sagt: „Wenn du aufhörst, besser zu werden, hast du bereits aufgehört, gut zu sein“.

Durchaus hilfreich ist eine homogene Sitzverteilung bei den Proben. Soll heißen, starke und weniger starke Stimmen in den einzelnen Stimmgruppen nach Vorgabe der Chorleiter/Innen zu verteilen. Der Auswahl der Literatur sollte – gerade bei einem älteren Chor – eine ganz besondere Bedeutung zugemessen werden. Mit getragenen, wohlklingenden Werken und Weisen können Chöre mit einem höheren Altersdurchschnitt durchaus punkten. „Rock my Soul“? … oder … „O, wie schön ist Deine Welt“?

Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis!

Es gilt also herauszufinden, welche Werke der Chor gerne singen möchte. Bei welchen Werken entwickelt der Chor seinen besten Klang? Wie möchte sich der Chor in Zukunft präsentieren? Ein Arbeitskreis könnte hier gute Dienste leisten.

Egal welches Ergebnis dabei herauskommt, das Ziel lautet: Unser Gesang und unsere Präsentation sollen dem Publikum gefallen.

„Der Wurm muss also dem Fisch schmecken und nicht dem Angler“. Wo stoßen die einzelnen Stimmen an ihre Leistungsgrenzen? Beherrschen die Tenöre das Falsett bzw. das Kopfstimmensingen? Sind Einzelproben bestimmter Stimmgruppen erforderlich?

Die richtige Balance finden, das Wohlbefinden des Chores stets im Blickwinkel. Die gewonnenen Erkenntnisse nutzen und umsetzen. Dem Chor einen wiedererkennbaren Chorklang durch eine bestimmte musikalische Richtung verleihen.

Teamwork symbolisch
Nur als Team geht es im Chor voran

Unterstützung bei Veränderungen

Vorstand und Chorleiter/Innen können den Veränderungen, welche ein alternder Chor mit sich bringt, nicht mehr alleine gerecht werden. Der CVNRW hat dieses Problem erkannt und bietet u.a. spezielle, fortbildende Seniorenchorleiter/Innen-Seminare an. Die Landeschorleiterin, Frau Claudia Rübben-Laux, stellt PDF-Dateien mit stimm- und atembildenden Trainingshilfen ins Internet.

Warum werden diese Hilfen so wenig in den alternden Chören genutzt?

Es ist allerhöchste Zeit, die Aufgabenstellung innerhalb unserer Chöre zu überdenken. Das Gebilde: Chorleiter/In –> Vorstand –> Sänger wird unserer Zeit nicht mehr gerecht. In dem Wort Chorgemeinschaft verbirgt sich die Lösung. Unsere Zeit erwartet auch von den älteren Chören Veränderungen.
Jeder Sänger, jedes Mitglied eines Chores ist aufgerufen, sich in den Dienst seiner Chorgemeinschaft zu stellen. Fördern und Fordern könnte z.B. eine Aufgabenstellung lauten. „Schwächere Sänger fördern und starke Sänger fordern“. D.h. den schwächeren Sängern „starke Paten“ zuzuordnen, die sie anleiten und so das viel zitierte Leistungsniveau des Chores aktiv unterstützen.

„Jede Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied“. Also fördern wir und helfen wir den Schwächeren. Schenken wir Ihnen mehr Aufmerksamkeit. „Chorsänger sind Teamplayer“. Jeder Sänger ist Teil seines Chores und sollte auch als Individuum Achtung und Respekt in seiner Chor-Gemeinschaft finden. Ein Chor-Regelwerk bietet die Basis für ein harmonisches Miteinander. Die Entwicklung eines solchen Chor-Regelwerkes wäre Aufgabe für einen Arbeitskreis. An anderer Stelle berichte ich darüber. Doch die größten Anstrengungen eines Chorteams verpuffen, wenn es ihnen nicht gelingt, ihre Sangesbrüder von ihrer Aufgabe in der Chor-Gemeinschaft zu überzeugen.

Diese Aufgaben lauten:

  • Regelmäßiger Chorprobenbesuch
  • Aufmerksamkeit und Disziplin während der Proben
  • Stimmtraining, Atemübungen und Lernen der Texte zu Hause.

Textsicherheit

Bekanntlich bereitet das Lernen der Texte den älteren Sängern durchweg die größeren Probleme. „Textsicherheit und die Verinnerlichung der Texte sind die halbe Miete des Chorgesangs“, so der Aachener Musik-Professor Fritz ter WeyAlso, diesbezügliche Kurzansprachen und ständiges Erinnern sollten zum Ritual einer Chorprobe gehören. Meine Empfehlung an dieser Stelle: Die Chor-Gemeinschaft nimmt sich vor, beim nächsten öffentlichen Auftritt wenigstens das erste Lied auswendig zu singen.

Das Leistungsniveau eines Chores ist das Spiegelbild des niveauvollen Verhaltens eines jeden Sängers innerhalb der Chor-Gemeinschaft. Die Chancen für die älteren Chöre sind geradezu konkurrenzlos im Vergleich zu den herumzappelnden jungen Chören. Wir tragen ein jahrtausendealtes Kulturgut in eine unsichere Zukunft.
Wir alle tragen Verantwortung für unseren Chor und unser Tun. Dabei bekommen wir sehr viel Unterstützung, wenn wir sie nur annehmen würden. Eine betagte Chor-Gemeinschaft mit motivierten Sängern, geleitet von einer erkennbaren, zielgerichteten Chorphilosophie und Zukunftsperspektive hat gute Chancen in unserer Zeit zu bestehen.

Von Walter Wesendahl

Walter Wesendahl

Ich bin 81 Jahre jung und singe noch in 2 deutschen und einem holländischen Männerchor. Seit 3 Jahren beschäftige ich mich mit der derzeitigen Situation der traditionellen Chöre und halte seit dieser Zeit meine Gedanken, Ideen und Erfahrungen schriftlich in einem sich ständig komplettierenden Aufsatz fest.
Ich habe in vielen Gesprächen mit Sängern, Chorleitern und Chorvorständen die Erkenntnis gewonnen, dass die betroffenen Chöre ihrer Situation hilflos gegenüberstehen. Ich möchte durch eine Veröffentlichung meiner Erfahrungen, den Verantwortlichen dieser Chöre aufzeigen, dass ein „weiter so“ das sichere Ende für ihren Chor bedeutet.

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