Vom Sinn und Unsinn von Chorwettbewerben

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Sind Chorwettbewerbe und Sängerwettstreite noch zeitgemäß?

Unter dem Begriff „Chorwettbewerb“ verbergen sich unterschiedliche Veranstaltungen mit unterschiedlichen Zielgruppen, was sich nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Publikum zeigt: Es gibt die renommierten, internationalen Chorwettbewerbe wie z.B. der Kammerchorwettbewerb Marktoberdorf oder der hochkarätige deutsche Chorwettbewerb für Spitzenlaienchöre aus dem gesamten Bundesgebiet.
Seit neuestem gibt es auch Fernsehformate mit ähnlichen Namen. In diesem Beitrag soll es aber um die Chorwettbewerbe gehen, die meist im Rahmen von Sängerfesten von und für Laienchöre veranstaltet werden.

Chorwettbewerbe früher und heute

Nach Klassen eingeteilt treten Laienchöre unterschiedlichen Niveaus gegeneinander an. Bewertet werden sie von einem oder mehreren Wertungsrichtern vom Fach. War es noch vor 25 Jahren Gang und Gäbe, dass nahezu jeder Gesangverein Chöre zu den Sängerwettstreiten entsendete, sind die Anmeldezahlen im letzten Jahrzehnt stark rückläufig. Zum einen liegt das an zunehmenden Nachwuchs- und damit einhergehend auch Qualitätssorgen in den traditionellen Chören, so dass leider oft kein leistungsstarker Chor mehr da ist. Zum anderen hat sich auch die Struktur und Organisation der Wettbewerbe an sich stark verändert. Vorbei die Zeit der Delegiertentage, an denen die Vorstände und Dirigenten sich im Vorfeld der Anmeldung argwöhnisch beäugten und taktiert und gemauschelt wurde wie auf dem Viehmarkt.

Inzwischen meldet man online und die Wertungsrichter sind bereits vor Anmeldeschluss bekannt. Und eben diese Wertungsrichter gehören auch einer neuen Generation an – da ist es plötzlich nicht mehr ausgeschlossen, dass ein Männerchor aus der kleinen Männerchorklasse oder gar ein Frauenchor die Tagesbestleistung holt. Dies ist für manch einen erfahrenen Sänger schwer zu verkraften, hieß es doch früher oft „Möge der größte“ (und nicht „der beste“) Chor gewinnen. Und so hörte man bei der Ergebnisbekanntgabe des öfteren aggressives Schlachtgeschrei wie nach Gewinn der Weltmeisterschaft.

Nur einer kann gewinnen – Motivation für den Chor

Nun, es gibt durchaus viele gute Gründe, die dafür sprechen, an Chorwettbewerben teilzunehmen. Diese Veranstaltungen bieten eine Möglichkeit, andere Chöre und neue Literatur zu hören, Kontakte zu knüpfen und sich auszutauschen.
Dabei erhalten nicht nur die Sängerinnen und Sänger, sondern auch die Chorleiterinnen und Chorleiter vielfältige neue Anregungen. Außerdem spornt die Teilnahme an einem Wettbewerb mit Konkurrenz den Chor zu Höchstleistungen an.
Das Ziel vor Augen, möglichst gut abschneiden zu wollen, motiviert die Sängerinnen und Sänger, regelmäßig in die Probe zu kommen und sich bestenfalls sogar zuhause vorzubereiten. Ganz zu schweigen davon, dass die Feste für die ausrichtenden Vereine eine wichtige Einnahmequelle sind und gegenseitige Unterstützung unverzichtbar ist.

Frauen singen im Chor

Egal wie man es dreht und wendet, bei einem Wettbewerb können nicht alle siegen. Kritik an der eigenen Stimme ist nun aber so ziemlich das Persönlichste, was es gibt (Lieber Herr Bohlen, spitzen Sie die Ohren …). Wir können uns nicht hinter einem Instrument verstecken, die Stimme gehört unmittelbar zur Persönlichkeit und ist nicht leicht zu ändern, ohne sich zu verstellen. Hier ist es sicherlich gewinnbringend, wenn der Wertungsrichter dem Chorleiter im Anschluss an die Ergebnisbekanntgabe für persönliche Rückmeldung und Beratung sowie Begründung der Beurteilung zur Verfügung steht.

Spaß am Singen sollte im Vordergrund stehen

Auch der Spaß am Singen kann leider nur bedingt in Wettbewerben gemessen werden, dabei sollte gerade beim Singen in Laienchören der Spaß immer im Vordergrund stehen. Dies steht auch in keinster Weise im Widerspruch zum Leistungsgedanken. Ich behaupte sogar, dass ein Chor, der gerne und mit Spaß singt, auch leistungsstärker sein kann, als ein verbissener Chor, der im schlimmsten Falle von Konkurrenzdenken und Arroganz geprägt ist. In jedem Fall wird man von außen den Unterschied wahrnehmen.
Und dies wiederum schlägt sich dann vielleicht doch in der Bewertung nieder.

 

Sabine Nick, geb. Endrich, studierte Schulmusik mit dem Hauptfach Klavier an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim. Im Herbst 2009 schloss sie das Studium im zweiten Hauptfach für das Lehramt an Gymnasien, Französisch, ab.
Mit dem Zusatzdiplom für elementare Musikpädagogik unterrichtet sie seit September 2011 an der Helen-Keller-Schule in Weinheim im Fachbereich Sozialpädagogik in der Erzieherausbildung.
Sabine Nick leitet erfolgreich den Schulchor, ist Chorleiterin des Vor-, Kinder- und Jugendchores Heddesheim und leitet den Frauenchor in Oberflockenbach.
Für den Deutschen und den Badischen Chorverband ist Sabine Nick als Dozentin und als Caruso-Fachberaterin unterwegs.

Chornoten Arrangement-Verlag

2 Kommentare zu Vom Sinn und Unsinn von Chorwettbewerben

  1. Wettbewerbe sind wichtig , auch wenn man nicht den 1. Preis erreicht. Der Weg ist das Ziel !
    Das Bewertungssystem sollte man überdenken, es reicht bei verschiedenen Wettbewerben, wenn nur
    Diplome vergeben werden, aber nicht platziert wird. Wenn Chöre zweimal verloren haben, gehn sie nicht mehr weg. Der Delegiertentag war eine sinnvolle Einrichtung, man ging abends nach Hause und wusste,
    wer teilnimmt und welche Gruppen zusammengestellt wurden. Außerdem hat man Freunde getroffen und bei einer Tasse Kaffee nette Gespräche geführt. Heute wird nach dem Meldeschluss „taktiert u. gemauschelt“. Als Chorleiter habe ich am meisten bei Wettbewerben gelernt. Höhepunkte waren die
    internationalen Begegnungen, obwohl hier die Leistungsschere oft weit auseinander geht.

  2. Guten Tag, ich finde die Wettbewerbe auch wichtig aus genau den angeführten Gründen. Andere Sänger kennenlernen, vergleichen, lernen. Und ich finde gerade das System mit den Diplome gut! So fährt man eben nicht heim mit dem Gedanken ich habe verloren, sondern wir waren genauso gut wie der Chor aus…, können aber von… noch was lernen. Und so bleibt der Spaß erhalten! Und, wie die Autorin schon sagt, das sollte immer im Vordergrund stehen!

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