Stimmbildung im Chor – Chancen und Grenzen

Artikelbild Stimmbildung

Stimmbildung im Chor hat viele Facetten. Für den Einen ist es das Herzstück jeder Chorprobe, für den Anderen notwendiges Übel. Mancher Chorsänger und auch Chorleiter ist froh, wenn das „Einsingen“ beendet ist und endlich mit der „richtigen Probe“ begonnen werden kann.
Andere Chorleiter setzen viel Enthusiasmus und Vorbereitung daran, den Chor auch stimmbildnerisch zu fördern und somit das persönliche Handwerkszeug jedes einzelnen Chormitgliedes und damit auch des ganzen Chores voran zu bringen. Ich selbst gehöre zur Spezies „ganzheitliche Sänger-Chorleiterin“ und dementsprechend liegt mir eine umfassende Stimmbildung sehr am Herzen. Aber was genau verstehe ich eigentlich unter sinnvoller „Stimmbildung“ im Chor?

Warmup zur Stimmbildung

In einem Chor kommen viele verschiedene Individuen zusammen. Sie haben ganz unterschiedliche Vorkenntnisse, sind erfahrene oder weniger erfahrene Sänger und treffen aus unterschiedlichen Alltagskontexten zur wöchentlichen Chorprobe zusammen. Aufgabe des Chorleiters ist es, diese Menschen und Stimmen zusammenzubringen. Dafür braucht es mehr als ein bloßes „Einsingen“ mit den immer ähnlich aufgebauten Gesangsübungen. Die erste halbe Stunde einer Chorprobe kann viel mehr leisten und entscheidet meiner Erfahrung nach häufig über den gesamten Verlauf der folgenden Probe.

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Stimmen klingen zusammen, wenn Menschen zusammen klingen und schwingen. In meiner Arbeit als Chorleiterin und Stimmbildnerin für Chöre lege ich großen Wert darauf, Übungen auszuwählen, die auf die Wahrnehmung ausgerichtet sind, nicht auf ein „richtiges“ Ergebnis oder einen bestimmten Klang. In einer Gruppe anzukommen hat für mich viel damit zu tun, wieder wahrnehmungs- und kontaktfähig zu werden. Wahrnehmungsfähig in Bezug auf den eigenen Körper, den Atem, die Stimme und die anderen Menschen und Stimmen, mit denen ich zusammen singen und proben möchte. Ist der Chor einmal aufeinander „eingestimmt“ und miteinander „warm geworden“, so ist es, als wäre eine Spur oder ein Rahmen gesetzt, der die nachfolgende musikalische Arbeit prägt.
Wie kann das konkret aussehen? Ich unterscheide verschiedene Stationen des Aufwärmens.

Stimmbildung mit Sportzeug
Trotz Bewegung ist kein Sportzeug bei der Chorprobe nötig

Am Anfang steht der Körper

Um das Instrument aufzuwärmen und auch um wirklich mit allen Sinnen in der Probe anzukommen, hat sich in meiner Arbeit ein körperliches Warmup sehr bewährt. Wenn in meinem eigenen Chor auch nach Jahren immer noch gefrotzelt wird: „Beim nächsten Mal sagst Du uns aber Bescheid, wenn wir uns wieder so viel bewegen. Dann bringen wir unser Sportzeug mit!“, so findet für mich Singen mitnichten nur in der oberen Hälfte des Körpers statt.

Der ganze Mensch soll und darf klingen und da braucht der eine oder andere alltagsmüde Chorsänger eben manchmal eine kleine Extraeinladung. Dabei muss Körperarbeit gar nicht immer sportlichen Ausmaßes sein. Vor allem die Wahrnehmungsschulung in Bezug auf die inneren Zusammenhänge des Körpers steht im Vordergrund. Jeder Sänger muss ganz individuell einen Zugang zu seiner Muskulatur, Aufrichtung und Beweglichkeit entwickeln. Da kann der Chorleiter nur durch geschickte Übungsanleitung und Anregungen, nicht aber durch Ansagen wie „so muss es sein“ oder „so ist es“ Unterstützung leisten.

Körper und Stimme

Bewegung in der Chorprobe
Singen in Kombination mit Bewegung

Aus dem körperlichen Warmup entwickelt sich in meiner Probenarbeit das stimmliche Aufwärmen. Körperbewegungen werden, zunächst meist noch ohne konkret vorgegebene Töne, mit der Stimme kombiniert. Bewegungen verschiedener Körperteile werden durch freies Tönen unterstützt und gleichzeitig können die Stimmen sich auf diese Weise ganz sanft ihre Resonanzen selber suchen, ohne gleich an die Grenzen geführt zu werden.
Wenn Chöre nicht gewohnt sind, frei zu tönen, sondern bisher vor allem Tonleiterschnipsel oder Arpeggien zum Einsingen benutzt haben, braucht es ein bisschen Zeit, bis die inneren Hemmungen abgebaut sind. Peinliches Kichern, dumme Sprüche, Verweigerung und „so tun als ob“ sind auch in Erwachsenenchören an der Tagesordnung.

Der Chorleiter braucht ein gutes Fingerspitzengefühl und muss selber bereit sein, sich gemeinsam mit dem Chor „zum Affen zu machen“. Dann kann sich das nötige Vertrauen in die Arbeit und das freie Tönen nach und nach zu einem lustvollen Zusammenfinden von Stimmen und Gruppe entwickeln.
Auch verliert der Chor die Scheu vor „falschen“ oder „unschönen“ Tönen und Klängen, wird selbstbewusster und mutiger.
Mir fällt häufig auf, dass Chöre dynamisch, klanglich und energetisch nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen und deswegen ein wenig nach „angezogener Handbremse“ klingen.
Durch das freie Tönen wird dieses Potential aufgeschlossen und kann hoffentlich in die Arbeit innerhalb einer musikalischen Form überschwappen.

Stimmübungen zur Stimmbildung

Natürlich arbeite ich auch mit konkreten Stimmübungen. Sie sollen jedem einzelnen Sänger ermöglichen, sein Instrument besser kennenzulernen und ökonomischer und vielfältiger einzusetzen.
Oft kommen erfahrene Chorsänger in meinen Einzelunterricht, weil sie sich in jeder Chorprobe heiser singen. Dem kann gute chorische Stimmbildung definitiv entgegenwirken. Allerdings ist im Chor ganz besonders die Eigenverantwortlichkeit jedes Sängers gefragt. Darauf weise ich auch immer wieder die Mitglieder der Chöre, mit denen ich regelmäßig oder auch projektmäßig zusammenarbeite, hin.

Ich als Stimmbildnerin kann Übungen und Inspirationen anbieten, aufmerksam machen auf Schwierigkeiten und zur Schulung der Eigenwahrnehmung aufrufen. Verantwortlich ist aber jeder Sänger für sich. Die Kontrolle durch den Lehrer, die im Einzelgesangsunterricht möglich ist, funktioniert im Chor nicht oder nur sehr bedingt. Deswegen müssen die ausgewählten Stimmübungen darauf abgestimmt sein.

Wirkungsvoll sind Übungen, die zum Beispiel die Unabhängigkeit von Lippen, Zunge und Kiefer fördern und somit helfen, unnötige Hilfsspannungen abzubauen. Auch die Kombination von Stimmübungen mit Bewegungen, bei denen der Schwerpunkt der Arbeit auf der Wahrnehmung z.B. Zusammenhang Klang und Kopfhaltung oder Körperschwerpunkt liegt, machen in diesem Zusammenhang Sinn. Übungen, bei denen nicht „Schönklang“ sondern Muskelaktivierung bzw. -entspannung im Vordergrund stehen, erfüllen ebenfalls diesen Zweck.
Allgemein halte ich alle Übungen für empfehlenswert, die die Experimentierlust der Sänger und somit die Selbstregulation der Stimme anregen. Nur so hat jeder Sänger auch innerhalb einer heterogenen Gruppe die Chance dort anzusetzen, wo er gerade ist und wo er die Möglichkeit hat, aus sich selbst heraus zu lernen.

Zugegebenermaßen ist das nicht immer der schnellste Weg. Manchmal braucht es im Choralltag sicher auch kurzfristig konkrete Lösungen für konkrete Probleme. Aber mittel- und langfristig gedacht, halte ich den oben beschriebenen Weg für den nachhaltigsten. Konkrete Anweisungen und Korrekturen zu Haltung, Klang, Vokalfarbe o.ä. gelten in den wenigsten Fällen für alle Chormitglieder und führen häufig zu mehr Verspannungen als Freiheiten.

Stimmbildung und der Brückenschlag zur Musik

Aktive Stimmbildung im ChorStimmbildung ist aber nur sinnvoll, wenn der Chorleiter es schafft, eine Brücke zur musikalischen Arbeit zu schlagen. Erst wenn es eine Verbindung gibt, zwischen dem, was die Chorsänger in den Übungen erleben und den konkreten Stücken, wird ihnen die Sinnhaftigkeit und Relevanz der Arbeit bewusst, ohne die eine innere Motivation nur selten gegeben ist.

Deswegen lege ich großen Wert darauf, dass die Übungen aus dem Warmup auch stets in der Probe aufgegriffen werden. So kann z.B. eine Körperbewegung oder eine zuvor geübte Klangvariante an einer Liedpassage ausprobiert werden. Die Musik profitiert merklich und die Chorsänger erleben, dass sie den Klang, die Dynamik und die Lebendigkeit der Musik aktiv mitgestalten können.
Technische Hürden können durch das hinzugewonnene Handwerkszeug überwunden werden und das entspannte Üben verhindert, dass Schwierigkeiten immer und immer wieder geübt und damit manifestiert werden.

Damit dieser Brückenschlag möglich wird, ist es wichtig, dass entweder der Chorleiter selber die Stimmbildungseinheiten übernimmt und somit weiß, woran der Chor gerade arbeitet, oder sich zumindest mit der stimmbildenden Person regelmäßig austauscht. Sonst entstehen „Parallelwelten“, in denen Stimmbildung und Musikmachen zwei unterschiedliche Gebiete sind. Dadurch ist nichts gewonnen, denn Stimmbildung sollte meiner Meinung nach nicht einem Selbstzweck, sondern der Erweiterung des musikalischen Ausdruckspotenzials dienen.
Zudem bildet sich durch intensive Stimmbildung auch ein Arbeitsvokabular zwischen dem Chor und dem Chorleiter heraus, welches für die zukünftige Verständigung wichtig ist. Sprechen Stimmbildner und Chorleiter verschiedene „Sprachen“ wird es vermutlich immer wieder Missverständnisse geben.

Foto: © highwaystarz – Fotolia.com

Anna Stijohann

Anna Stijohann (http://stimmsinn.de) ist staatlich geprüfte Musikpädagogin und erteilt seit 2007 Gesangs- und Stimmbildungsunterricht für Anfänger und Profis. An der Universität Koblenz hat Anna Stijohann einen Lehrauftrag im Jazz-Popgesang. Sie leitet selbst Chöre und Gruppen für Musik und Theater und stand mit verschiedenen Ensembles als Solistin auf über 200 großen und kleinen Bühnen Deutschlands.
Anna Stijohann absolvierte eine zusätzliche Ausbildung zum „Natural Voice-Teacher“.

6 Kommentare zu Stimmbildung im Chor – Chancen und Grenzen

  1. Hallo!
    Ich bin 77 a alt, und obgleich ich seit etwa 40 Jahren Akkordeon spiele, konnte ich mir unter Stimmbldung absolut nichts vorstellen. Als mich dann eine Fernseh-Dokumentation (im Mai 2017) von Peter SCHREIER bei den Kruzianern in Dresen wieder mit dem Ausdruck ‚Stimmbildung‘ konfrontierte. Und nun dank des Internets und Wikipedia habe ich o.g. Artikel der Dame mit großer Freude und mit großem Intresse gelesen. – Alledings muss ich sagen, dass ich von der Stimme in Knabenchören begeistert bin, (auch ‚Westfälische Nachtigallen‘ als gemischter Chor), jedoch die Chöre, die bei der 9. Symphonie das ‚Freude schöner Götterfunken …‘ öffentlch singen, das finde ich schauerlich, das soltle man lieber die Buben singen lassen. Alte, Männerchöre hier aus dem Ort sind einfach schrecklich, wenn die 1 x im Jahr öffentlcih auftreten.

    • Ich habe mich bemüht, meine unmaßgebliche Meinung zur Gesangstechnik von mir zu geben, als der der nicht singen kann, aber wenn ich sänger und Sängerinnen höre, z.B. in der Musihochschule in München, dann kann es schon vorkommen, das es mir gelegentlcih mal vor Mitgefühl so seltsam eiskalt übers Rückenmark läuft.

    • Lieber Herr Erdmann,
      wie schön, dass Sie bei Ihrer Suche nach Informationen zur „Stimmbildung“ auf meinen Artikel gestoßen sind und meine Ausführungen Ihnen gefallen haben. In der Stimmpädagogik gibt es vermutlich ebenso viele Ansätze, Meinungen und Geschmacktendenzen, wie es Stimmbildner gibt. Die Stimme ist unser ureigenstes Ausdrucksmittel und damit sehr persönlich. Ich bemühe mich stets das in meiner Arbeit zu berücksichtigen und vor allem zu schauen, dass das Singen leicht geht und für die Sänger Freude bringt. Gerade im Chor ist das nicht immer einfach und im Endeffekt liegt das Ergebnis und die Verantwortung immer bei jedem Chormitglied selbst. Inwieweit dem Zuhörer das dann gefällt oder nicht, ist eine andere Baustelle.
      Herzliche Grüße und noch viel Freude beim weiteren Forschen in der Welt der Stimmen wünscht
      Anna Stijohann

    • Lieber Herr Erdmann,
      wie Frau Stijohann richtig schreibt: Stimme ist etwas Persönliches. Sie sollten sich also mit verletzenden Be- und Verurteilungen zurück halten. Wenn Ihnen etwas nicht gefällt: Einfach nicht anhören. Oder SACHLICH bekunden, dass Ihr Geschmack da anders ist. – In diesem Sinne ein schönes Wochenende. Ich (55 Jahre, also uralt, wie schrecklich) werde morgen das Requiem von Brahms mit aufführen.

  2. Hallo Frau Stijohann,
    vielen Dank für diesen lesenswerten Artikel. Für einen interessierten Chorleiter wie mich wären weiterführende Literaturhinweise hilfreich. Mehr oder minder gut strukturierte Sammlungen von Einsingübungen gibt es ja zuhauf, aber was ist mit den von Ihnen angesprochenen Themen Selbstwahrnehmung und freies Tönen? Hätten Sie da einen Tipp?
    Beste Grüße
    V.Kukulenz

    • Lieber Herr Kukulenz, vielen Dank für die positive Rückmeldung. Eine konkrete Literatirempfehlung kann ich leider nicht geben. Anregungen zum Tönen und auch hzur Wahrnehmungsschulung finden Sie aber u.a. bestimmt in verschiedenen Büchern zu folgenden Methoden: Schlaffhorst-Andersen, Lichtenberger, Middendorf oder Linklater. Meine Kenntnisse dazu sind der langjährigen Erfahrung mit unterschiedlichsten Methoden und Lehrern entwachsen. Wenn Sie mögen und konkrete Fragen haben, schreiben Sie mir gerne eine Email unter Anna@Stijohann.de oder besuchen einen meiner Kurse 😉 Ich freue mich auf jeden Fall über Ihr Interesse am Thema und ihre Offenheit neues zu probieren. Herzliche Grüße, Anna Stijohann

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