Intonation und Zusammenklang im Chor

Artikelbild Intonation

Intonation ist eines der Probleme, mit denen Chorleiter in ihrer Arbeit immer und immer wieder zu tun haben. Dabei fällt mir auf, dass Chorleiter sich häufig zwar mit dem Phänomen „zu hoch oder zu tief“ befassen, aber nur selten versuchen, der Ursache auf den Grund zu gehen und somit das Problem nicht nur kurzzeitig, sondern auf Dauer zu lösen.

Gut gemeinte Ratschläge zur Intonation

Den Sopranistinnen im Chor immer wieder zu sagen: „Ihr seid zu tief, ihr müsst höher singen“, hilft selten. Denn meist liegt es an technischen Mängeln, die verhindern, dass der Ton auf der Tonhöhe erklingt, wie das Stück und der Chorleiter dieses fordern. Auf Seiten der Sopranistinnen ergibt sich daraus häufig Frust.
Immerhin versuchen manche Chorleiter den jungen oder älteren SängerInnen mit Tipps und Ratschlägen zu helfen.

„Stellt Euch vor, der Ton kommt aus eurem Hinterkopf raus.“

„Ihr müsst den Ton wirklich mit der Atemluft rausschicken.“

„Seid einfach mal mutig!“

„Ihr müsst hohe Töne tief denken und tiefe Töne hoch!“

Das sind nur einige von des öfteren widersprüchlichen, aber gut gemeinten Ratschlägen, die jedoch nur in begrenztem Maße wirkungsvoll sind. Immerhin hat dann der Chorleiter erkannt, dass es sich um eine Intonationsschwäche aus mangelnden Fähigkeiten in stimmtechnischer Sicht handelt. Den Chor von den Stühlen aufstehen zu lassen, hat meist das Problem verkleinert, aber auf die Dauer selten gelöst.

Intonation im Lexikon
Intonation im Lexikon

Das richtige Handwerkszeug zur Intonation erwerben

Ich möchte einige Vorschläge anbringen, um bei Intonationsschwierigkeiten, die in technischem Unvermögen begründet sind, die Ursache und nicht das Symptom zu lösen.
Als erste Wahl empfehle ich Körperübungen, die aktivierend wirken und gleichzeitig die Eigenwahrnehmung schulen. Solche Übungen lösen häufig nicht nur direkt Intonationsprobleme, sondern setzen im Chor zusätzlich stimmliche Energie und Präsenz frei. Gut eignen sich auch Übungen, die kompensatorische Hilfsspannungen (z.B. im Kiefer, Hals, Schultergürtel) abbauen.

Zum müheloseren Singgefühl gesellt sich der Spaß und die Freude an der Ablenkung und dem gemeinsamen Spiel. Ziel ist es, dass die Sänger auf die Dauer ein Gefühl dafür entwickeln, wie sie sich in Situationen stimmlicher Herausforderungen selber helfen können. Ein Verkleinern der Bewegungen oder das Prinzip: gemacht – gedacht – gelassen führen so nicht nur zu kurzzeitigem Erfolg, sondern tragen aktiv zur Stimmbildung jedes Einzelnen bei.

Verspannungen bitte nicht üben

Reichen die Körperübungen noch nicht aus, um die notwendige stimmliche Energie frei zu setzen, so kann es helfen, sich die schwierigen Stellen oder Töne eine Weile nur vorzustellen, anstatt diese immer wieder einen Hauch zu tief oder zu hoch mit einem unwohlen Gefühl zu singen. Schlechte Angewohnheiten können sich so gar nicht erst verfestigen und die Angst vor der schwierigen Stelle wird abgebaut. Hat der Sänger oder die Sängerin den Ton gut im Ohr, ohne sich immer wieder „den Falschen“ vorzusingen und so das harmonische Gesamtgerüst zu stören, wird es ihm bzw. ihr leichter fallen diesen Ton irgendwann zu treffen. Ein stummes Üben des Tones aktiviert die Stimm-Muskulatur ohne Hinzunahme der kompensatorischen Hilfsmuskulatur, die in den meisten Fällen für die Schwierigkeit verantwortlich ist.

Mischen impossible

Als zweite Ursache für Intonationsschwierigkeiten sehe ich häufig, dass sich die Stimmen der Gruppe nicht mischen und deshalb die Töne, egal, ob richtig oder nicht, nicht ineinander greifen können. Mal bedient sich der Sopran einer zu „scharf klingenden“ Farbe, der Alt „brustet“ bis zum c2, der Tenor „brüllt“, oder der Bass singt mit zuviel Masse im Ton, obwohl alle anderen eher eine durchlässige, leichte Schattierung der Stimme benutzen. Dann mischen sich die Stimmen schlecht oder gar nicht. Wie kann ich diesem Problem begegnen?

Eine gute Übung ist das „Ohren-zu-halten“. Meist ist die individuelle Farbwahl in der Stimme mit einem Klangideal verbunden, welches der jeweilige singende Mensch gerne hören würde. Er manipuliert dann bewusst oder unbewusst am Klang herum, was dazu führt, dass der Klang weniger lebendig und flexibel wird und sich nicht mehr in den Gesamtklang einfügen kann.

Ohren zu halten

Inneres Hören üben

Um den Sängern ihre Klangvorstellung zu entziehen, kann man sie mit den Fingern in den Ohren singen lassen. Dann ergibt sich eine neue Mischung, die häufig homogener ist. Die Diskrepanz zwischen dem inneren Klang der eigenen Stimme und dem Klang draußen ist den meisten Laien-Sängern kaum bewusst.

Ein Hin- und Herwechseln zwischen offenen und geschlossenen Ohren und die Aufforderung sich das Sing-Gefühl zu merken, kann eine Übertragung des Ergebnisses auf die „normale“ Chorsituation verbessern. Außerdem hat die Stimmmuskulatur durch den Kontrollentzug und die damit verbundene Destabilisierung die Chance, einen müheloseren Weg der Tonproduktion zu finden und sich so selbstreguliert zu einem ausbalancierteren Klang hin zu entwickeln.
Gibt es Intonationsschwierigkeiten auf einem bestimmten Wort oder Klang, so kann es auch daran liegen, dass die Vokalbildung in der Gruppe sich stark unterscheidet und der Klang sich deshalb nicht mischt. Schauen sich alle Chor- oder Ensemblemitglieder gegenseitig auf den Mund, so können diese Schwierigkeiten behoben werden.

Sich im Gesamtklang verorten

Ursache für Intonationsschwierigkeiten in Chören und Ensembles kann auch die Tatsache sein, dass der einzelne Sänger sich nicht im harmonischen Zusammenklang verorten kann.

Wie klingt der Akkord bzw. die Harmonie im Ganzen?
Wie fühlt sich mein Ton im harmonischen Gefüge an, welche Aufgabe hat er?
Wo ist Reibung, wo Konsonanz?

Übungen, die verschiedene Hörweisen bewirken, haben sich in meiner Arbeit bewährt. So lässt sich der Gesamtklang im Raum durch ein Abschirmen der Ohren nach vorne erfahren. Zunächst ist der Klang irritierend, ermöglicht aber auf die Dauer ein „harmonisches“ Hören und damit die Verortung des eigenen Sounds im Zusammenklang.

Ohren vorne abschirmen
Ohren nach vorn abschirmen und „sich selbst“ besser aus dem hinteren Raum hören

Obertöne statt Grundtöne

Eine vierte Ursache, die definitiv nicht nur Laienchöre, sondern auch erfahrene Sänger in Intonationsschwierigkeiten bringt, ist die Gewohnheit, unser Ohr auf die Grundtöne der Töne, die wir singen, zu fokussieren. Das Konzentrieren auf den Grundton und damit verbunden das bewusste Manipulieren an der Tonhöhe funktioniert meist nicht.

Kommt keine Verbesserung des harmonischen Gesamtverständnisses hinzu, so wird beim nächsten Durchgang, oder spätestens in der nächsten Probe, das gleiche Problem wieder auftreten. Entfernen wir uns von der grundtönigen Hörweise und fokussieren unser Ohr mehr auf die Klang- bzw. Obertonstruktur der Töne, so lösen wir die aktive Kontrolle über den Grundton. Die Arbeit mit den Obertönen gibt dem Grundton die Chance, sich frei zu „bewegen“ und sich an die harmonische Umgebung anzupassen.

Das passiert auf so filigrane Weise, dass der Sänger gar nicht genau mitbekommt, ob der Ton zu hoch oder zu tief war, ist aber merklich verbunden mit einem Gefühl des „Einrastens“, des Aufgehens im Klang und des Einstimmens in den Akkord.

Obertöniges Hören üben

Die einfachste Möglichkeit das obertönige Hören zu üben, ist die Butterbrotpapier-Übung. Jedes Chormitglied erhält ein Stück Butterbrotpapier (z.B. 3 x 10cm). Als wollten wir „auf dem Kamm blasen“, legen wir beim Singen das Butterbrotpapier locker an die Lippen und singen gegen das Papier. Es kommt durch die Vibration in Schwingung und erzeugt ein schnarrend schepperndes Geräusch, wie bei einem Kazoo.

Am Besten geht das auf dem Vokal [u] und in der oberen Mittellage. Mit ein bisschen Übung kann das Papier bei allen Tönen – hoch, tief, laut, leise – kräftig mitvibrieren. Lässt man den ganzen Chor auf dem Butterbrotpapier singen (am Besten nur mit einem oder mehreren Vokalen), entsteht zunächst große Verwirrung, weil der Geräuschanteil der Töne so präsent ist. Nach und nach pendelt sich die Intonation aber ein und bleibt auch beim „normalen“ Singen sauber.

Alles noch mal kurz zusammengefasst

Zusammenfassend möchte ich noch einmal herausstellen, dass Intonationsschwierigkeiten im Chor sich vor allem dadurch lösen lassen, dass der Chorleiter mit wachem Verstand und gutem Einfühlungsvermögen herausfindet, was die Ursache für die Schwierigkeit ist.
Liegt es an technischem Unvermögen, so muss an der Ursache und nicht am Symptom angesetzt werden.
Handelt es sich um komplexe harmonische Zusammenhänge, so kann es hilfreich sein, sich im Gesamtklang und damit in der Harmonie zu verorten.

Mischungsschwierigkeiten zwischen verschiedenen Stimmen werden oft mit Intonationsschwierigkeiten verwechselt, können aber durch ein Angleichen der Stimm- oder Vokalfarbe behoben werden. Ein obertonreicherer Stimmklang ist nicht nur im Sinne der Stimmbildung wünschens- und begrüßenswert, sondern kommt auch dem Chorklang und der Gruppenintonation zugute, weil ein „Herumschrauben“ am Grundton das Intonationsproblem meist, wenn überhaupt, nur kurzfristig lösen kann.

Intonationsschwierigkeiten müssen also für den Chorleiter nicht unbedingt ein Grund zum Verzweifeln sein. Diese bieten sogar die Chance zur aktiven, individuellen Stimmbildung während der Chorprobe. Langfristig können Intonation und Zusammenklang durch regelmäßige Hörübungen und Stimmbildung und damit einhergehend ein genaueres „Wissen“ – gemeint ist nicht rationales Wissen, sondern gefühltes, erfahrenes „Wissen“ – über die Zusammenhänge und Funktionsweise der eigenen Stimme verbessert werden.

Anna Stijohann

Anna Stijohann (http://stimmsinn.de) ist staatlich geprüfte Musikpädagogin und erteilt seit 2007 Gesangs- und Stimmbildungsunterricht für Anfänger und Profis. An der Universität Koblenz hat Anna Stijohann einen Lehrauftrag im Jazz-Popgesang. Sie leitet selbst Chöre und Gruppen für Musik und Theater und stand mit verschiedenen Ensembles als Solistin auf über 200 großen und kleinen Bühnen Deutschlands.
Anna Stijohann absolvierte eine zusätzliche Ausbildung zum „Natural Voice-Teacher“.

7 Kommentare zu Intonation und Zusammenklang im Chor

  1. Komisch, von korrekten (geschlossenen / offenen)Vokalen wird nicht gesprochen?
    das ist für mich die Ursache von 50% aller Intonationsschwierigkeiten…

    • Vielen Dank für Ihren Hinweis. Ich arbeite wenig mit einer bestimmten Vorgabe von Dingen, die „korrekt“ oder „nicht korrekt“ sind, sondern lasse die Menschen ausprobieren und sich durch Selbstorganisation zusammenfinden. Das entspricht meiner inneren Überzeugung und der Art und Weise, wie ich unterrichte. Wenn ich merke, dass sich die Vokalfarben der Menschen unterscheiden und deswegen nicht mischen, lasse ich die Chorsänger sich gegenseitig auf den Mund schauen. Dann gleicht sich die Vokalfarbe – egal ob offen oder geschlossen – und damit auch die Intonation an. Natürlich löst das kein individuelles Problem, wenn ein Vokal irgendwo „klemmt“. Ich nehme ihre Anregung aber gerne auf und werde demnächst auf jeden Fall mal ein Ohr darauf werfen.

  2. Hallo Frau Stijohann,
    vielen Dank für Ihren hochinteressanten Artikel.
    Von der Übung mit dem Butterbrotpapier bin ich richtig fasziniert und wende sie regelmäßig mit Erfolg im Chor an.
    Allerdings ist mir nicht klar, ob es bei den Männerstimmen wirklich Sinn macht, dass diese „mit Papier“ singen, weil es in dieser Stimmlage nicht richtig vibriert. Wie sehen Sie das? Über Ihre Antwort würde ich mich sehr freuen.
    Viele Grüße
    Beate

    • Liebe Beate,
      vielen Dank für den positiven Kommentar. In der Tat haben es Männerstimmen etwas schwerer, das Butterbrotpapier zum Knistern zu bringen. Singen die Männer im Falsett knistert es meist genauso stark wie bei den Frauen in der oberen Mittellage. Als Übung könnte man Glissandi von oben aus dem Falsett herunter singen. Die Stimmen erhalten dann auch in der mittleren und unteren Lage mehr Brillianz und Beweglichkeit. Und das kann den meisten Männerstimmen ja auch nicht schaden 🙂 Ähnlich schwierig ist es für manche Frauen in der unteren Lage (rund ums c1). Aber auch da ist es möglich, dass das Papier ordentlich scheppert. Der Klang wird auf jeden Fall profitieren. Viel Freude beim weiteren Experimentieren wünscht, Anna Stijohann

  3. Vielen Dank für den interessanten Artikel! Allerdings muss man sich als professioneller Musiker schon etwas zwingen weiterzulesen, wenn der Artikel mit „Sopräne“ beginnt. Wenn ich nicht zuerst gesehen hätte, dass Sie den Artikel verfasst haben und schon einen anderen interessanten Text von Ihnen gelesen hätte, hätte ich vermutlich deshalb nicht weitergelesen… Und das wäre schade gewesen!

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