Seid vollzählig: Denn Chor kann man nicht alleine

Teamwork: Chor kann man nicht alleine

Wenn der Chor in jeder Probe anders besetzt ist, wird es kompliziert für den Chorleiter – und alle SängerInnen. Warum regelmäßige Teilnahme an Chorproben so wichtig ist.

Vor ein paar Monaten habe ich mich bei einem neuen Chor vorgestellt. Neben einer Probe hatten sich die Chorsänger ein Gespräch mit mir gewünscht. In diesem Gespräch wurde ich u.a. gefragt, ob es für mich wichtig sei, dass immer alle SängerInnen in den Proben anwesend seien.
Diese Frage hat mich seitdem umgetrieben und ich möchte behaupten, dass nahezu jeder Chorleiter eines Laien-Hobby-Chores dieses leidige Thema kennt. Bei der einen Probe hat man ein Lied oder eine Stelle gut geprobt, bei der nächsten sitzt man vor komplett anderer Besetzung und fängt von vorne an.
Das ist nicht nur für den Chorleiter, sondern auch für die anderen – möglicherweise fleißigen – Mitsänger anstrengend und sorgt auf Dauer für Frust.

Chorsingen macht Spaß

Früher dachte ich, naja, wenn meine Proben gut und interessant genug sind, werden die Menschen schon regelmäßig zur Probe kommen. Das ist alles eine Frage der persönlichen Prioritäten! Heute weiß ich: Zu einem gewissen Teil ist das so, aber für manche Chormitglieder ist auch einfach nicht klar, was es bedeutet, in einem Chor zu singen.
Da geht man halt hin, weil es nett ist oder weil die Nachbarin da auch hingeht. Da trifft man Leute, hat Spaß und singt ein bisschen zusammen.

Na klar! Singen soll Freude machen. Chorsingen ist für die meisten Menschen eine Freizeitaktivität. Und trotzdem braucht es im Chor eine andere Grundeinstellung als beispielsweise beim „Rudelsingen“.

Chor ist wie Synchronschwimmen

Einer meiner sehr geschätzten Chorleiterkollegen hat mir neulich ein wundervolles Bild an die Hand und damit den entscheidenden Anlass für diesen Artikel gegeben.
Er sagte:

„Chorsingen ist wie Synchronschwimmen. Es nützt nichts, wenn von 10 Synchronschwimmern bei der Probe 7 anwesend sind. Es geht darum, dass alle 10 gut aufeinander abgestimmt sind, sonst sieht es immer unkoordiniert aus, egal wie gut die fleißigen 7 geübt haben.“

Dieses Bild hat in mir sofort Resonanz gefunden. „So habe er sich seine Chormitglieder nach und nach zur Probendisziplin erzogen“, sagt der Kollege. „Wow“, denke ich, „das möchte ich auch!“

Schwarmverhalten im Chor

Ihr seid der Chor …

Auch mir war immer klar, dass „Chor“ ein Mannschaftssport ist. Nur, wenn miteinander und gut aufeinander abgestimmt geprobt wird, kann es auch auf der Bühne gelingen. Manchmal sagen Menschen: „Ich singe in einem Chor mit.“ Darin offenbahrt sich bereits das Missverständnis. Wer würde schon sagen: „Ich spiele in einer Fußballmannschaft mit“?

Das Bild mit dem Synchronschwimmen gefällt mir deswegen viel besser. So wird deutlich, dass es am Ende um das sicht- bzw. hörbare Gesamtkunstwerk geht. Hier kann kein Einzelkämpfer irgendwie „doch noch für den entscheidenen Siegtreffer sorgen“. Alle sind gleichermaßen gefordert. Nur dann kann ein Chor wirklich sein volles Potenzial entfalten.

… und jede Stimme zählt!

Natürlich gibt es immer wieder gute Gründe einer Chorprobe fernzubleiben. Das steht außer Frage. Jeder Mensch setzt eigene Prioritäten und hat seine individuellen Lebensumstände.
Außerdem gibt es natürlich Menschen, die es leichter haben als andere mit dem Singen, mit den Stücken, mit den Texten und auch mit der Fähigkeit, sich auf die Mitsänger abzustimmen. Trotzdem sollte den ChorsängerInnen klar sein: Es braucht jede Stimme!
„Es sind ja noch genügend andere Sopräne da!“, ist eine dieser Aussagen, die mich immer wieder verwundern.

Verantwortung für den Chor übernehmen

Grundlage dieser Einstellung ist möglicherweise das Gefühl, dass man sich im Chor auch „einfach mal dranhängen“ kann. Aber das ist ein Irrtum.

Chorarbeit kann nur funktionieren, wenn jeder – im Rahmen seiner Möglichkeiten – Verantwortung übernimmt.  Ich muss immer wieder aus meiner Komfortzone heraustreten und mich aktiv beteiligen. Es gilt z.B. wach am Üben der anderen Stimmen teilzunehmen, denn möglicherweise ist das Gesagte auch für mich relevant. Ich muss selbstständig die Impulse aus dem Einsingen oder der Stimmbildung aufgreifen und anwenden und mich erinnern, was in den vergangenen Proben erarbeitet wurde.

Immer wieder neu muss ich entscheiden, wann es sinnvoll ist, beherzt und sicher draufloszusingen und so andere Chorsänger zu ermutigen und wann es heißt, sich im Sinne des Zusammenklangs zurückzunehmen.

Damit schlage ich den Bogen zurück zur Ausgangsfrage, ob es wichtig ist, dass immer alle Chormitglieder bei den Proben anwesend sind. Ja und nein. Natürlich wäre das wünschenswert, aber für mich persönlich ist es noch viel wichtiger, dass die Sänger, die anwesend sind, auch wirklich „da“ sind und sich aktiv beteiligen.

Der Chorleiter alleine kann den Chor nicht zusammenhalten. Wenn der Chorleiter z.B. einen bestimmten Klang oder eine besondere Dynamik einfordert oder zum deutlicheren Artikulieren animiert, geschieht das nur, wenn alle – und das meint jeder selbstverantwortlich für sich – die Anweisung motiviert umsetzen.

Jede/r Einzelne muss sich mit vollem Herzen und ganzer Stimme engagieren. Der Trainer allein kann das Spiel nicht gewinnen.

Der Chor als Schwarmintelligenz

Als Ergänzung übe ich mit den Sängern in den Proben auch immer wieder die Fähigkeit, miteinander in Kontakt zu gehen. Wer gewohnt ist, sich an den anderen zu orientieren, kann sich auch mit Probenrückstand einfügen. Eine Gruppe, die sich und die Musik gut kennt, kann auch in unsicheren Situationen zueinander stehen und gemeinsam klingen.
Wer gewohnt ist, während des Singens miteinander zu kommunizieren, sich gegenseitig zu unterstützen und im gemeinsamen Flow zu schwimmen, kann sich immer wieder neu aufeinander einstellen.

Dann wird aus dem Synchronschwimm-Team ein lebendiger Fischschwarm. Wunderbar!

Und im besten Falle macht sich der Chorleiter auf diese Weise selbst überflüssig.

Viel Spaß am Synchron-Schwimmen und -Klingen wünscht,

Anna Stijohann

Anna Stijohann
Anna Stijohann

Anna Stijohann (http://stimmsinn.de) ist staatlich geprüfte Musikpädagogin und erteilt seit 2007 Gesangs- und Stimmbildungsunterricht für Anfänger und Profis. An der Universität Koblenz hat Anna Stijohann einen Lehrauftrag im Jazz-Popgesang. Sie leitet selbst Chöre und Gruppen für Musik und Theater und stand mit verschiedenen Ensembles als Solistin auf über 200 großen und kleinen Bühnen Deutschlands.
Anna Stijohann absolvierte eine zusätzliche Ausbildung zum „Natural Voice-Teacher“.

9 Kommentare zu Seid vollzählig: Denn Chor kann man nicht alleine

  1. Stimmt auf den Punkt.ich bin im Chor u eine der Stammleute die alles möglich macht um zur Probe zu kommen . Aber das Problem wie beschrieben haben wir auch .der Stamm ist immer da aber manche sind entweder nur am quatschen o sind seltener ohne Gründe da .

  2. Ich bin zwar in einem reinen Männerchor, aber was Ellen schreibt hört sich an, als wäre sie in unserem Chor ;-(
    Was mir noch fehlt, ist ein Tutor der uns mal hilft bei der definition von Auf- und Abgehen, Aufstellung, Positionierung und Chorerscheinung. Ich könnte mir VOrstellen, das manche Mitglieder auf einen externen eher hören als auf einen Mitsänger.

  3. Wie treffend.Wenn eine Stimme übt sind immer dieselben anderen am quatschen oder spielen am Handy und stören so die aktiven. Übrigens wir sind ein reiner Männerchor.

  4. Ich bin Chorleiterin dreier Chöre. Nach 40jährigem Wirken in diesem Hobby wird die Situation aktuell immer schlechter. Mittlerweile habe ich keine Lust mehr, vor jedem Auftritt alle SängerInnen anzusprechen, ob sie da sind. Probenbesuch inakzeptabel. Mal schauen, ob ich weiter arbeiten möchte. Ich bin 65. Vielleicht fehlt mir die Motivation zum motivieren.

  5. Stimmt! Ich singe in einem Kirchenchor. Die Einstellung einzelner Mitglieder ist oft nicht förderlich für eine gute Gemeinschaft, denn Harmonie untereinander macht den Chor stark.

  6. Ich kann vieles nachvollziehen. Allerdings: viele wollen einfach nur mehr ob des Geldes wegen singen. Und andere wollen sich die Probenarbeit nicht antun, weil oftmals die Qualitätsspanne in den Chören groß ist, in weiterer Folge Chöre ohne Bezahlsubstituten nicht auskommen. Und dann scheissen irgendwann mal die „gratis und umsonst-SängerInnen“ drauf. Und oftmals ist es so, dass vor allen in der Kirchenmusikszene die Chöre mehr oder weniger ausgenützt werden. Große Maestros quälen die Chöre, um kostengünstig Qualität quantitativ zu bringen. Die Zeiten, wo es eine Ehre war bzew. wunderbar war, bei einem (namhaften ?) Chor zu singen und „gratis und umsonst“ – SängerInnen vorhanden waren bzw. die Chorleiter massenhaft die Qual der Wahl hatten, aus SängerInnen auszusuchen sind längst vorbei, dass haben viele Chorleiter aber auch Singvereine und deren Verantwortliche nicht kapiert. Klar ist auch, dass das Freizeitangebot ein anderes war als zum Beispiel in dern Nachkriegszeit bis ca 1970 ! Allerdings kann man da die Chorleiter von kleineren Ensembles (die Mehrzahl) nicht in die Pflicht nehmen, mehr oder weniger arbeitsrechtlich ihrer Arbeit nachzukommen, sondern eher den hauptberuflich Angestellten- sprich Kapellmneistern, Dommusikdirektoren etc… – von Institutionen. Da müssen sie ihren Job nachgehen und halt Werbeaktionen für neue SängerInnen machen. Oftmals wird dies nicht geschafft, obwohl dies arbeitsrechtlich ihre Arbeit ist.

  7. Sehr gutes Bild. Genau so ist es. Ich leite seit über 20 Jahren Chöre und es bewegt sich in Wellen.Vor Konzerten, Auftritten, Wettbewerben sieht es gut aus, danach kommt ein Tal, wenn nicht gleich das Nächste ansteht.Wir haben eine Regelung gefunden. 70 Prozent Anwesenheit, sonst kann man Konzerte nicht mit singen. Geht so lala, ist aber eine Idee und Ausnahmen gibt es immer.Sie müssen dann aber vorsingen…

  8. Liebe Anna, liebe Alle
    Sieh mir das ungefragte Du nach, aber unter Sänger*innen darf das wohl sein.
    Ich glaube, es ist wichtig, zu differenzieren, zwischen körperlicher Anwesenheit und geistiger Anwesenheit. Wo Chorsingen nur, wenn auch die schönste, Nebensache ist, weil es auch noch einen Broterwerb gibt, da gibt es einfach erzwungene Absenzen, die unvermeidlich sind. In meinem Job ist das so. Chorsingen ist unumstritten Kür und nicht Pflicht. Und berufliche Abendtermine gehen nunmal, zu meinem und zum Leidwesen meiner Kantorin, vor. Die, denen es leid tut, weil sie fehlen müssen, sind nicht das Problem. Die hängen sich dafür beim nächsten Mal umso mehr rein. Das wahre Problem beginnt bei denen, die nur hingehen, wenn sie gerade mal Lust haben. Da ist der Chorleiter in der Pflicht, finde ich, sich diejenigen unter vier Augen zur Brust zu nehmen und zu fragen, wie es weiter gehen soll. Das ist nicht angenehm, aber unvermeidlich. Nach meiner langjährigen Erfahrungen fehlt bei diesen Chorsängern auch jegliches Problembewusstsein. So eine*r muss schon sehr sehr gut sein, dass sich ein Chorleiter das bieten lassen sollte. Siehe der Sketch „Der Chortenor“ von The Real Group. Alle weniger Guten sind entbehrlich, ehrlich!
    Bei körperlich, aber nicht geistig anwesenden Sänger kann ich alle Chorleiter nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Da gilt keine Klage. Disziplin passiert nicht von selbst. Die muss ein Chorleiter einfordern, wenn es sein muss, ständig und auch nicht immer freundlich, ist es doch irgendwo eine Form persönlicher Geringschätzung gegenüber einem Chorleiter, der/ die sich vorne abmüht, etwas vernünftiges, sinnvolles zu Stande zu bringen mit dem Willigen. Sie stehen da in gewissem Sinn vor einer Schulklasse mit der Ausnahme, dass die Teilnahme freiwillig ist. In diesem Sinne gilt auch hier, was meine jüngste Schwester, Lehramt an Gymnasien, mal gesagt hat: “ In einer neuen Klasse musst Du in den ersten 10 Minuten zeigen, wo der Hammer hängt, sonst hast Du verschissen!“ Vor Chorleitung als Führungsaufgabe habe ich, der ich selbst Führungsverantwortung habe, größte Hochachtung. Das ist keine harmlose Anforderung. Aber gerade deswegen, traut Euch zu führen. Wenn es dazu führt, dass Euer Häuflein kleiner wird, ist das ein geringeres Problem, denn die wirklich Willigen und Leistungsbereiten werden bleiben und die Qualität und die Befriedigung beim Singen werden zunehmen!

  9. Liebe Anna,
    vieles von dem Geschriebenen unterschreibe ich voll. Das Freizeitverhalten vieler hat sich aber auch sehr verändert, ebenso wie berufliche und familiäre Belastungen. Unsere Chorleiterin gestaltet die Proben wirklich toll und viele sagen, oft hatte ich am Anfang keine Lust, aber am Ende der Probe fühle ich mich gut. Und wer nicht kommt verpasst echt was. Aber wir haben eine Menge Schichtarbeiter (Feuerwehr, Hospiz, Altenpflege …) und die Leute haben auch familiäre Verpflichtungen. Das ist einfach so und man muss sich darauf einstellen. Man kann halt nicht lange an einem Stück arbeiten, sondern muss punktuell alles anreissen, was gerade fürs nächste Konzert gebraucht wird, sonst sind die Rückstände kaum aufzuholen. Und bei der Probendisziplin ist die Chorleitung in der Pflicht, Missstände abzustellen: Schwätzen, wenn eine Stimme probt, Handys, lautes zu spät kommen … Das klappt auch, wenn man den Anwesenden klar macht, dass sie einfach mit der momentanen Besetzung das bestmögliche Ergebnis zeigen sollen – auch in der Probe. Weil wir es uns wert sind 🙂

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