Chor mit oder ohne Noten?

Singen ohne Noten

Hinsetzen, Noten raus, lossingen – so der gängige Anblick einer Chorprobe. Wie wäre denn mal ein „Ohne-Noten-Experiment“?

In den meisten Chören ist das Setting klar. Neue Stücke werden mit Noten – zumeist sitzend –  einstudiert. Im Konzert wird bei klassischen Chören meist an den Noten – in ordentlich-einheitlichen Chormappen – festgehalten, bei populärem oder gemischtem Repertoire singt man wünschenswerter Weise auswendig. Aber die Frage, ob mit oder ohne Noten gesungen werden soll, ist und bleibt aktuell. So gab es erst in der letzten Ausgabe der CHORZEIT (Magazin des Deutschen Chorverbandes) eine schriftliche Diskussion zweier namhafter Kollegen zum Thema „Chor ohne Noten“.

Was Noten machen

„Wenn Du beim Singen mit Lesen beschätigt bist, bist Du mit Lesen beschäftigt und nicht mit Singen.“ Diesen Ausspruch einer meiner Lehrerinnen zitiere ich regelmäßig und ich stimme dem voll zu. Notenblätter binden Aufmerksamkeit und das ist nicht in jedem Fall sinnvoll bzw. nimmt in manchen Fällen dem Chor sogar die Chance, wirklich lebendige Musik zu schaffen. Aber eins nach dem anderen.

Noten schaffen Orientierung

Zunächst möchte ich die Vorteile des Arbeitens mit Noten herausstellen. Noten schaffen Orientierung. Als Chorsänger habe ich die Möglichkeit mir einen Überblick über das ganze Stück zu verschaffen. Ich halte den gesamten Ablauf in meinen Händen, sehe meine eigenen Einsätze und die Einsätze der anderen Stimmen, kann den Text ablesen und – wenn ich des Notenlesens mächtig bin – auch Melodie und Rhythmus vom Blatt abnehmen. Außerdem sollte man die Tatsache, dass die Sänger dann „etwas in der Hand haben an dem sie sich festhalten können“ nicht unterschätzen. Auch das gibt Sicherheit.

Stücke schneller einstudieren

Das Erlernen eines neuen Stückes ist mit Notenblättern für den Chorleiter unkompliziert umsetzbar. Noten erleichtern die Kommunikation zwischen Leiter und Chor. Taktzahlen, Buchstaben für verschiedene Abschnitte, Klammern bei Wiederholungen usw. ermöglichen klare Ansagen, wo und was geübt werden soll. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Chorsänger sich wirklich in den Noten zurecht finden. Und das ist in Laienchören gar nicht so selbstverständlich.

Noten lesen Chorprobe
Der Blick konzentriert sich mehr auf das Blatt, als auf das Drumherum

Kannst Du Noten lesen?

Die meisten Menschen in Chören hantieren wie selbstverständlich mit Noten, jedoch begegnet es mir häufig, dass kaum oder nur oberflächliche Notenlesekenntnisse vorhanden sind. Die Sänger sind also beim Singen nach Noten nicht nur mit Singen beschäftigt, sondern auch damit, sich in den Noten zurechtzufinden. Eine grobe Orientierung: „Hier geht’s hoch und da runter“ ist meist möglich, aber ich erlebe nicht selten, dass gerade Abläufe, Dynamik und selbst das sichere Finden der eigenen Stimme auf einem Blatt mit vier Notensystemen, zusätzlich herausfordern. Und das, vor allem im Stadium des Einstudierens, wo die Noten eigentlich hilfreich sein sollten.

Lernen übers Ohr

Ich versuche deswegen immer wieder Stücke ohne Notenblätter einzuüben. Das ist für viele Chorsänger eine ungewohnte Erfahrung, die oft mit Widerstand und Orientierungslosigkeit verbunden ist.

„Ich kann mir das einfach nicht merken! Wo nochmal? So viel Text! Mein Nachbar singt so falsch, da kann ich meine Stimme nicht finden!“

Das sind durchaus berechtigte Einwände und ganz sicher dauert es länger, bis ein Stück zumindest „durchläuft“. Aber meiner Ansicht nach lohnt es sich trotzdem, Stücke ohne Noten zu lernen. Die Vorteile liegen auf der Hand.

Mit der Aufmerksamkeit ganz bei der Musik

Die Sänger sind voll und ganz mit Singen beschäftigt. Das Lauschen, nicht nur auf die eigene Stimme, sondern ganz besonders in Beziehung zum Rest des Chores steht im Vordergrund. Und das kommt gerade in komplexeren harmonischen und rhythmischen Zusammenhängen manchmal zu kurz, wenn wir versuchen, dem Blatt folgend, die richtigen Töne zu singen. Ohne Noten dauert es manchmal länger bis eine Harmonie „einrastet“, aber wenn die Stimmen sich wirklich finden, ist die Intonation meist viel sauberer und die Spannungsverhältnisse der Töne werden klarer erlebt. So kann sich das Stück nachhaltiger in den Köpfen und Körpern der Sänger einprägen.

Das große Ganze verstehen

Die Beziehung der einzelnen Stimmen untereinander – die möglicherweise einem Profi oder sehr erfahrenen Chorsänger schon durch den Blick in die Noten klar werden würden – können so wirklich erlebt und damit gelernt werden. Wo ein Profi vielleicht direkt weiß: „Ah, ich hab da die Septime und die löst sich im nächsten Takt auf“ oder „Rhythmisch verzahnt sich das so oder so“ sehen ganz normale Chorsänger, selbst wenn sie regelmäßig mit Noten umgehen, häufig vor allem die eigene Stimme. Damit ein Chor aber wirklich klanglich und musikalisch zusammenfindet ist das Verständnis für das große Ganze unerlässlich.

Freiheit und Sicherheit

Im Gegensatz zu den beiden Kollegen der CHORZEIT geht es mir also weniger um die Frage, ob beim Konzert auswendig gesungen werden soll oder nicht. Mir geht in allererster Linie um die Einstudierung. Und wenn das Lied bereits auswendig gelernt wurde, erübrigt sich das mühsame und oft mit Stress verbundene Auswendiglernen vor dem Konzert gleich mit.

Gerade im Sinne eines „Lebendigen Chores“ können der Chor und die Musik enorm profitieren, wenn ab und zu Stücke auswendig erarbeitet werden. Und mit Sicherheit gibt es den ein oder anderen Kompromiss, damit die Chorsänger sich nicht allzu nackt und verloren fühlen.

Chornoten in der Hand

Das Ohne-Noten-Experiment

Bei meinem letzten „Ohne-Noten-Experiment“ (ein zwei Seiten langer, vierstimmiger Gospel mit recht komplexen Harmonien, aber überschaubarem Text) habe ich nach einigen Probensitzungen Textblätter ausgegeben und die Sängerinnen angehalten, sich darin Notizen zu machen. So schaffen sie sich selber Orientierungspunkte und finden eigene Worte und Zeichen für die Zusammenhänge. Für diejenigen, die sich zuhause mit dem Stück beschäftigen wollten, habe ich nach einer Weile auch Noten ausgegeben, die wir jedoch in den gemeinsamen Proben nicht benutzt haben.

Die Ausdauer wird belohnt

Insgesamt muss ich zugeben, dass es ziemlich lange gedauert hat, bis der Chor das Stück wirklich singen konnte. Da brauchte es viel gutes Zureden meinerseits und immer wieder die Versicherung, dass wir es ganz sicher schaffen werden und dass es überhaupt kein Problem ist, wenn nicht alles sofort klappt. Wir haben uns in kleinen Päckchen von vier bis acht Takten pro Probe langsam vorangetastet. Aber der Zusammenklang und das gemeinsame Erleben der Musik haben mich als Chorleiterin sehr begeistert.

Abgesehen davon, dass die Sänger außerdem die Hände frei haben, sich bewegen und sich gegenseitig und auch mich als Dirigentin anschauen können, konnte der Klang jeder einzelnen Stimme profitieren und die entstehende Freude am gemeinsamen Singen war definitv größer als beim „Töne-Buchstabieren-nach-Noten“.
Der spontane Ausruf einer der Tenöre, als eine recht schwierige Stelle mit viel Chromatik und verminderten Akkorden plötzlich einrastete, spricht Bände:

„Boah geil, wie das zusammenkommt! Da krieg ich richtig Gänsehaut!“ 😉

Jeder Chor ist anders

Insgesamt muss natürlich jeder Chorleiter wissen, auf welche Weise er arbeiten möchte. Und sicher ist jeder Chor verschieden und hat andere Bedürfnisse. Ich möchte jedoch alle experimentierfreudigen Chorsänger und Chorleiter ermutigen, es mal auswendig zu versuchen. Vielleicht erstmal mit einzelnen Stellen oder Teilen eines Stückes oder mit einem leichten Übekanon. Aber ganz bestimmt lohnt es sich auch in einem klassischen Kammerchor mal ein Stück ganz und gar übers Ohr zu lernen.

Es ist ein ungeheueres Glück für alle Beteiligten, wenn ein Musikstück und das Chorarrangement wirklich in seiner Tiefe erlebt und durchdrungen werden kann. Mit den Noten bleibt doch manches auf der Oberfläche hängen.  Natürlich ist mir klar, dass sich ein schweres 20minütiges Werk kaum für ein solches Experiment eignet und dass im Hinblick auf ein umfassendes Konzertprogramm manchmal leider Quantität vor Qualität gehen wird. Spannend wäre es sicher dennoch, wie es klingt, wenn wirklich jedes Chormitglied die Stücke in- und auswendig „kennt“.

Wichtig: Ob mit oder ohne Notenblatt – für jedes Chormitglied muss ein Exemplar vorhanden sein!

Anna Stijohann (https://stimmsinn.de) ist staatlich geprüfte Musikpädagogin und erteilt seit 2007 Gesangs- und Stimmbildungsunterricht für Anfänger und Profis. An der Universität Koblenz hat Anna Stijohann einen Lehrauftrag im Jazz-Popgesang. Sie leitet selbst Chöre und Gruppen für Musik und Theater und stand mit verschiedenen Ensembles als Solistin auf über 200 großen und kleinen Bühnen Deutschlands.
Anna Stijohann absolvierte eine zusätzliche Ausbildung zum „Natural Voice-Teacher“.

Chornoten Arrangement-Verlag

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